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Heimweg-Apps: Nie mehr nachts allein nach Hause

von Sandra Schink

November, die Tage sind kurz und werden gar nicht erst richtig hell. Die Nächte sind lang und fühlen sich dunkler an, als sonst. Schön, wenn man auf dem Heimweg dann nie alleine sein muss. Denn es gibt Apps dafür.

Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die auf dem nächtlichen Heimweg noch nie blöd angemacht oder von einem Clown überfallen wurden. Dennoch bin auch ich nicht vor der Sorge gefeit, dass es nicht doch  passieren könnte. Gerade auf wenig belebten und schlecht beleuchteten Wegen gleitet unwillkürlich der längste und spitzeste Schlüssel von meinem Schlüsselbund zwischen meine Finger, wenn vor mir unvermittelt jemand aus dem Schatten tritt oder ich hinter mir Schritte höre. Nicht dass ich je testen konnte, ob ich damit überhaupt etwas ausrichten könnte – und das ist gut so. Aber ich fühle mich mit dem Gedanken, einem Angreifer zumindest schnell soviel Schmerz zufügen zu können, dass ich im Überraschungsmoment die Chance bekomme, wegrennen zu können, irgendwie sicherer. Und diese gefühlte Sicherheit allein hilft vielleicht schon dabei auszustrahlen: "Ich bin kein Opfer, leg Dich nicht mit mir an!"

Um diese gefühlte Sicherheit zu unterstützen und einem potentiellen Angreifer  zu signalisieren: "Sieh Dich vor, ich bin nicht allein!", gibt es heute Apps und Dienste, die auf diesen Effekt einzahlen. 

Das Heimwegtelefon

Die Idee zu dem ehrenamtlichen Telefonservice wurde von zwei jungen Frauen aus Berlin aufgegriffen, den sie ursprünglich in Schweden entdeckt hatten. Dort bietet die Polizei einen Dienst an, den nächtliche Heimkehrer anrufen können, wenn sie sich unsicher fühlen. Ziel ist es, dem Anrufenden durch ein nettes Gespräch mehr Sicherheit zu vermitteln. Er kann angeben, wo er sich gerade aufhält, wo er hin möchte und auch schildern, wie er sich fühlt. Das Berliner Heimwegtelefon kann aus ganz Deutschland derzeit in den Nächten von Donnerstag bis Sonntag unter der Nummer 030-12074182 erreicht werden. Donnerstags ist der Anschluss, der von über 50 ehrenamtlichen Helfern betreut wird, zwischen 20 und 24 Uhr erreichbar, in den Nächten vor Feiertagen, Samstagen und Sonntagen ist er zwischen 22 und 4 Uhr erreichbar.
Der ehrenamtliche Service wird weiter entwickelt und ausgebaut und ist auf dem Weg zur Gemeinnützigkeit. 

Die App Companion: Gute Idee, schlechte Übersetzung 

Die Companion-App, gratis erhältlich für iOS- und Android-Geräte, gilt als Vorreiter der Heimbegleiter-Apps und kommt aus den USA. Für iPhones gibt es sie nur auf englisch, die Android-Version ist auch auf deutsch zu bedienen (die Übersetzung ist allerdings ein wenig holprig). Um sie nutzen zu können, muss der App der Zugriff auf die Ortungsdienste des Smartphones, die Push-Nachrichten, die Kontakte und auf den Bewegungssensor freigegeben werden. Danach kann man seinen Namen und seine E-Mail-Adresse angeben sowie einen PIN-Code setzen, der eingegeben werden muss, wenn man bestätigen will, dass man okay ist.

Geht man los,  gibt man seine Zieladresse ein und klickt "Add Companions," um aus seinen Kontakten bis zu drei Freunde oder Familienmitglieder auszusuchen, deren virtuelle Begleitung man sich wünscht. Diese erhalten eine SMS und können bestätigen, dass sie aufmerksam sind. In regelmäßigen Abständen wird man von der App aufgefordert zu bestätigen, dass man okay ist. Verpasst man diese Aufforderung oder kann man sie nicht bestätigen, schlägt die App bei den virtuellen Begleitern Alarm. Und die können dann anrufen oder die Polizei alarmieren. Oder man klickt selbst den "Call the Police"-Button, der sofort die 110 wählt. Gut ist, dass die Begleiter via SMS informiert werden und die App deshalb nicht selbst installieren müssen. In der Android-Version nervt aber die ausgesprochen schlechte Übersetzung, vor allem, wenn der virtuelle Begleiter absurde, automatische SMS vom nächtlichen Heimkehrer erhält, die an dessen Verstand zweifeln lassen.

Die App allfine! - Gut, aber noch nicht ganz fein

In der Beschreibung der App steht "No Personal Profile, No Timeline, Data Deletion after 24 Hours!" Das ist ein wenig irreführend, impliziert es doch, dass man keine Daten angeben müsste - registrieren muss man sich aber trotzdem: Mit Namen, E-Mail-Adresse und einem selbstgewählten Passwort. Hat man seine E-Mail-Adresse bestätigt, kann man sich einloggen. 

Auch allfine! benötigt den Zugriff auf die Ortungsdienste und die persönlichen Kontakte. Und dann kann man Guppen anlegen wie "Freunde" oder "Familie" und seine bevorzugten Kontakte in diese Gruppen einladen. In den App-Einstellungen kann bei Bedarf die Aufzeichnung gestartet werden. Solange diese läuft, werden die eigenen Standort-Daten fortwährend an die App übermittelt und in der Karte angezeigt. Seinen Status für eine ausgewählte Gruppe kann man mit einem Button-Klick dazu posten: "In der Schule" oder "Zu Hause" oder "GPS ausgeschaltet" signalisieren dem eigenen Netzwerk mit einer grünen Standort-Nadel, dass man in Sicherheit ist. "Notfall" oder "Gefährliche Situtation" färbt die Standort-Nadel rot. Alle Bewegungsdaten werden nach 24 Stunden gelöscht.  

Beim Test mit dem iPhone zeigte die App noch kleine Bugs. So sprang die Karte nach dem Start zunächst jedesmal nach Köln zurück, wo die Entwickler der App sitzen, statt direkt meinen Standort Hamburg anzuzeigen. Und wenn ich Fotos posten wollte, bekam ich die Meldung, dass dies nur mit aktiven GPS-Daten möglich sei. Auch dann, wenn ich GPS aktiviert hatte. Insgesamt macht sie einen soliden Eindruck und ist ein gutes Tool zum Beispiel für Familien, die wissen wollen, wo sich ihre Kinder gerade aufhalten. Die deutschsprachige App ist kostenlos für iOS und Android erhältlich.

Die App KommGutHeim - Notruf nur mit Premium-Dienst

Bei der deutschsprachigen App KommGutHeim ist es möglich, sich einfach via Facebook einzuloggen und dadurch auch die Facebook-Kontakte als virtuelle Begleiter auszuwählen. Wie alle Heimbegleiter-Apps benötigt auch sie Zugriff auf die Ortungsdienste, sowie auf das Smartphone-eigene oder eben das Facebook-Adressbuch. Die zur Begleitung aktivierten Wege bleiben zwei Wochen lang gespeichert, selbst dann, wenn das Smartphone aus geht, so dass auch die ausgewählten Begleiter diese Wege notfalls auch nachvollziehen können.

Ein Notruf an die virtuellen Begleiter ist aber nur mit einem Premium-Account aktivierbar. Und der kostet monatlich 1,99 Euro, bzw. 1,50 Euro, wenn man gleich für ein halbes Jahr bucht. Nur mit dem In-App-Kauf kann schnell Hilfe bei drei vorausgewählten Kontakten aktiviert werden, die per Pushnachricht und SMS informiert werden und denen der letzter Standort übermittelt wird. Auch diese App zeigte beim ersten Ausprobieren mit dem iPhone Schwächen und synchronisierte die Kontaktdaten weder von Facebook noch aus dem Adressbuch. Die App gibt es für iOS und Android.

 

Die Haken der Apps und die Alternativen

Die Apps haben leider alle noch ihre kleinen Macken und auch die Bedienung ist nicht immer ganz durchdacht. Während ich unterwegs bin, müssten die Apps allfine! und KommGutHeim im Vordergrund offen sein, damit ich überhaupt noch einen Alarm absetzen kann. Der Weg dorthin dauert vielleicht nur zwei Klicks, im Notfall ist das aber ein Klick zu spät. Denn dann fliegt das Smartphone vielleicht schon durch die Luft oder wurde gar geklaut. Hinzu kommt, dass durch das Dauer-Tracking sehr schnell viel Strom aus dem Akku gezogen wird. Klar, dass man damit den Kontakt zu den Freunden verliert. Ebenfalls Punktabzüge gibt es dafür, dass man seine Freunde nachts nicht unbedingt behelligen möchte, wenn sie überhaupt noch wach sind und die Benachrichtigungen mitbekommen. A propos Freunde: Alle Apps greifen auf die Kontaktdaten und natürlich die Ortungsdienste zu. Also wieder neue Unternehmen, mit denen ich meine Daten teilen muss.

Ort per WhatsAppDa ich auf dem Heimweg aber ohnehin gern mit meinem Freund oder den Freunden, mit denen ich unterwegs war, chatte, tut es statt einer solchen App einfach auch WhatsApp oder der Facebook-Messenger. Bei beiden Apps ist es möglich, den eigenen Standort zu senden, und das geht - bei freigegebenen Ortungsdiensten - ebenso mit zwei Klicks. Ist es so spät, dass ich von niemandem mehr erwarte, dass er mir virtuell das Händchen hält, würde ich auch eher zum Heimwegtelefon greifen, statt eine der Apps zu installieren. 

Schade, denn die Ideen sind eigentlich sehr gut, an der Umsetzung müssen aber alle noch arbeiten, bis die Apps so schnell bedienbar und effektiv sind, dass sie mir wirklich Sicherheit vermitteln. Vielleicht baut Facebook einen solchen Notfall-Button ja demnächst einfach in seinen Messenger ein. Das wäre die einfachste Lösung.

 

 

Artikel vom

von Sandra Schink

Seit 1990 journalistisch tätig. Arbeitete als freie Fotografin für Tageszeitungsredaktionen,
als Redakteurin für Magazine und als Community Managerin für stern.de. Digitales
ist ihr Leben, seit sie 1975 das erste mal Pong gespielt hat. Sie ist überzeugt:
Die Zukunft ist smart.

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