Wird Instagram TV das neue YouTube?

von Christian Zeiser

Instagram greift an. Die Facebook-Tochter will einem anderen Giganten den Rang ablaufen, nämlich YouTube und damit der Mutterfirma Google. Mit einem eigenen Videodienst namens Instagram TV (IGTV) will die Fotoplattform dem Clip-Marktführer Konkurrenz machen. Kann das klappen?

Auf den ersten Blick wirkt IGTV frischer, moderner als das etwas in die Jahre gekommene YouTube: Sobald die App gestartet ist, passiert etwas. Auf der Stelle läuft ein Video, während beim Aufruf von YouTube zunächst einmal eine Liste mit vorgeschlagenen Videos erscheint, fein säuberlich in Reihen angeordnet. Betrachtet man beide Angebote ausführlicher, wird klar, dass Welten zwischen den beiden Konkurrenten liegen: IGTV will das Web-Fernsehen von morgen sein und gibt sich deshalb radikal anders.

Hoch- gegen Breitformat

Ein deutlicher Unterschied zwischen Instagram TV (für iOS und Android erhältlich) und YouTube (iOS, Android) liegt im Bildformat: IGTV zeigt Videos nur im Hochformat und setzt damit voll auf mobile Anwendung: Instagram-Filme sollen auf dem Smartphone betrachtet werden, während YouTube mit seinen verschiedenen Breitformaten eher für das Ansehen am Computer oder auf dem Smart TV geeignet ist. Andererseits hatte YouTubes mobile App bisher auch kein bekanntes Problem mit dem Breitformat – allzu schwer ist es nicht, das Smartphone zu drehen. Dazu wirken Videos im Breitformat angenehmer, weil das Seitenverhältnis eher dem menschlichen Gesichtsfeld entspricht.

Allerdings erleichtert das Hochformat die Konzentration auf das Wesentliche, weshalb es wohl für IGTV so interessant ist. Im Breitformat sind neben dem Hauptmotiv immer noch weitere Dinge der Umgebung zu sehen, das Hochformat fokussiert auf das eigentliche Motiv: Die Bloggerin, den Influencer, die sich selbst oder ihre vorgestellten Produkte präsentieren wollen und nicht ihre Umgebung.

Auch bei der Länge der Clips setzt Instagram TV auf die Blogger-Szene: Während man sich bei Youtube auch ganze Konzerte in voller Länge ansehen kann, macht IGTV bei 60 Minuten Schluss. In der Praxis dürfte die Länge der Videos meist deutlich darunter liegen, denn erstens sieht sich niemand auf einem Mobilgerät einstündige Filme an und zweitens wäre damit auch ein erheblicher Datenverbrauch verbunden. Längere Filme sollte man also nur ansehen, wenn man sich in einem W-LAN befindet. Influencer, die ihre Fans möglichst oft erreichen wollen, wissen so etwas natürlich. Entsprechend sind ihre Clips meist nur wenige Minuten lang.

Kampf um die Influencer

Der größte Unterschied zwischen IGTV und YouTube liegt aber wohl in der Suche. YouTube erlaubt es, nach Video-Titeln und Schlagworten zu suchen. So steht das Thema im Vordergrund, nicht die dahinter stehende Person. Eine Suche nach „Cupcake Tutorial“ führt bei YouTube zu endlos vielen Videos über das Backen der kleinen Törtchen. Bei Instagram TV hingegen kann lediglich nach Personen gesucht werden, wie zuvor schon bei Instagram selbst. Anders als die Fotoplattform bietet IGTV nicht einmal eine Suche nach Hashtags – zumindest bisher. Die App ist eindeutig darauf ausgelegt, dass Anwender andere Nutzer abonnieren.

Abos gibt es allerdings auch bei YouTube, und zwar besser gemacht: Hier führt eine Suche nach einem bestimmten Thema schnell zu einem Video, dessen Urheber man anschließend abonniert. Bei IGTV wird es schnell mühsam, sich über ein bestimmtes Thema informieren zu wollen, weil es schwierig ist, Leute zu finden, die etwas zu diesem Thema zu sagen haben. Stattdessen schlägt ein Algorithmus Nutzer und Videos vor, ausgehend von dem, was man bisher so auf Instagram und sicherlich Facebook so angesehen hat.

Fazit: Ruhig bleiben, YouTube

Damit wird IGTV letztlich zu einem reinen Berieselungs-Medium. Gezielte Suchen sind kaum möglich, man konsumiert, was einem vorgesetzt wird. Diese Bevormundung ist dann auch das größte Ärgernis an IGTV: Im Prinzip ist es wie Fernsehen, man guckt sich  an, was so läuft. Für die schnelle Unterhaltung während der U-Bahn-Fahrt mag das reichen. Zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für YouTube wird Instagram TV so aber nicht.

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von Christian Zeiser

Der selbstständige Journalist beschäftigt sich seit 15 Jahren mit smarter Technik.
Angefangen hat alles mit dem Thema "3 Megapixel: Digitalkameras werden erwachsen".
Heute verfolgt er interessiert die Entwicklung des Internet der Dinge.

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