Musik-Streaming mit YouTube Music – Top oder Flop?

von Rüdiger Maulko

Mit YouTube Music möchte sich Google auf dem Markt für Musik-Streaming neu positionieren, da Google Play Music gegen die Konkurrenz von Spotify, Apple und Amazon nicht bestehen konnte. Der Dienst, der im Sommer 2018 in Deutschland gestartet ist, verbindet das gigantische Videoarchiv von YouTube mit einer umfangreichen Audiodatenbank. Videos gibt es zwar bei anderen Diensten auch, Google geht aber bei der Verschmelzung von Clips und Musik deutlich weiter als die Konkurrenz. Der Anbieter spekuliert auf angestammte YouTube-Nutzer und will zugleich reine Musikhörer ins Boot holen, die sich im rasant wachsenden Markt noch nicht für einen bestimmten Streaming-Dienst entschieden haben oder aus Unzufriedenheit wechseln möchten.

Kosten und Abo-Modelle

YouTube Music wird in einer eingeschränkten Version gratis angeboten, ein Abo mit allen Funktionen kostet derzeit 9,99 €/Monat. Störende Werbung müssen Abonnenten nicht mehr über sich ergehen lassen. Ein Offline-Modus steht zur Verfügung, mit dem Clips und Tracks aufs mobile Gerät geladen werden können. Das spart unterwegs Ladezeit und vor allem Kosten, wenn Sie einen Tarif mit begrenztem Datenvolumen haben. Zur Offline-Funktion gehört der automatische Download eines speziellen Mixtapes. Im heimischen WLAN werden automatisch bis zu 100 Songs aufs Mobilgerät geladen, die unterwegs jederzeit zur Verfügung stehen. Die Auswahl der Tracks passt die Künstliche Intelligenz des Streaming-Dienstes eigenständig an die Hörgewohnheiten des Nutzers an. Eine nützliche Funktion, die ebenfalls Zeit und Kosten spart, ist der bei Bedarf aktivierbare Audiomodus. Damit hört man nur die Tonspur, ohne das Video laden zu müssen. Schlechte Datenverbindungen haben dann weniger Einfluss auf den mobilen Musikgenuss. Ein weiteres Abo-Feature ist der Hintergrundbetrieb. Im Gegensatz zur Free-Version stoppt die Wiedergabe bei Smartphones nicht, wenn die App gewechselt, der Bildschirm gesperrt oder zwecks Akkuschonung gezielt ausschaltet wird.

YouTube Music kann auch als Bestandteil von YouTube Premium abonniert werden. Das Entertainment-Paket, das 2015 in den USA unter dem Namen YouTube Red an den Start ging, bietet obendrein noch exklusive Videoinhalte. Unter dem Label YouTube Originals werden beispielsweise Formate mit angesagten Influencern und YouTube-Ikonen angeboten. Neben werbefreien Versionen von YouTube Kids und YouTube Gaming gehört derzeit noch Google Play Music zum Abo. Im Zukunft wird der Vorläufer von YouTube Music höchstwahrscheinlich komplett eingestellt und von den neuen Bezahlangeboten abgelöst. YouTube Premium kostet 11,99 € pro Monat.

Musik-Streaming im Test – Stärken und Schwächen

Wer kein Geld in die Hand nehmen möchte, braucht für die Nutzung der Free-Version lediglich einen Gmail-Account. Die benötigten Apps stehen in den Stores von Apple und Google zur Verfügung. Der Dienst lässt sich auch via Browser aufrufen (z. B. am heimischen Desktop): Nach dem Gmail-Login wechseln Sie zu „YouTube“ (unter „Google Apps“), klicken dann im oberen Menü „YouTube Apps“ und anschließend „YouTube Music“ an. Im Test liefen die Webversion für den Browser sowie die YouTube Music Apps für mobile Geräte stabil. Sie haben alle wichtigen Funktionen für komfortables Streaming an Bord und lassen sich gut bedienen. Musikvideos können auf dem großen TV-Bildschirm angeschaut werden, wenn Airplay (iOS/Apple-Geräte) oder Chromecast (Android-Geräte, smarte TV-Receiver) via Symbol aktiviert werden. Das Streamen klappt übrigens auch problemlos mit einem Amazon FireTV-Stick, obwohl es derzeit Spannungen zwischen Google und Amazon bezüglich der Nutzung von YouTube-Inhalten gibt. Die Sprachsteuerung des Sticks (Alexa) funktioniert allerdings nicht. Die Bedienung von YouTube Music erfolgt via App auf dem Smartphone bzw. Tablet. Für die tägliche Dosis sorgt die „Hotlist“ der App mit aktuellen und beliebten Clips. Ist man primär am reinen Musikhören interessiert, reicht das umfangreiche Audioarchiv vollkommen aus. Vorgegebene Playlists mit Neuerscheinungen oder mit zeit- und situationsgebundener Musik (Musik zum Morgen, Herbstzeit etc.) sind vorhanden. Eigene Playlists mit der Lieblingsmusik sind zügig erstellt. Für gezielte Recherchen steht eine Suchfunktion zur Verfügung. Da hinter dem Dienst das geballte Know How des Suchmaschinengiganten Google steckt, werden Tracks sogar bei der Eingabe von Songtextfragmenten gefunden. Nach der sehr wahrscheinlichen Verschmelzung mit Google Play Music wird das Archiv voraussichtlich noch wachsen. Ein echter Pluspunkt: Auf Smartphones gibt es in der Gratisversion keine Einschränkungen beim Abspielen und Konfigurieren von Playlists. Für Spotify Free-Nutzer ist der aufgezwungene Shuffle-Modus ja schon lange ein Ärgernis. Die Werbung war beim Test der Gratisversion zwar durchaus präsent, störte aber – bis auf die ständigen Hinweise auf das kostenpflichtige Premium-Abo - nicht übermäßig.

Von Beginn an erhält man Hörempfehlungen. Google setzt hier – wie auch die Konkurrenz – auf Künstliche Intelligenz. Sie ist lernfähig, indem sie Hörgewohnheiten und Aktivitäten der User (z. B. Anlegen eigener Playlists) aufzeichnet und auswertet. Um den Algorithmus zusätzlich auf Trab zu bringen, fordert die App zur Auswahl von Lieblingskünstlern auf. Anschließend steht im Startmenü eine Favoritengalerie zur Verfügung. Auf Dauer führen die Interaktionen mit dem Programm zu besseren Ergebnissen bei den Vorschlägen. Für die Empfehlungen kann, bei aktivierter Standortfunktion, auch der Aufenthaltsort eine wichtige Rolle spielen. Einen Besuch im Fitnessstudio untermalt dann ein eher „sportlicher“ Soundtrack.

Zu den Schwächen des Dienstes: Offizielle Promotionclips und „selbstgebastelte“ Musikvideos werden gleichrangig behandelt und kommentarlos vermischt, eine spezielle Kennzeichnung fehlt. Oft weiß man nicht, aus welcher Quelle die Bilder stammen. Die Qualität von Ton und Bild schwankt teils stark, da neben hochwertigen HD-Inhalten aktueller Produktionen auch Amateurvideos, alte TV-Sendungen und Konzertmitschnitte aus dem YouTube-Archiv auf dem Bildschirm landen. Das macht einerseits den Charme des Angebots aus, da Überraschendes, Verschollenes oder erstaunlich Kreatives zu sehen ist. Andererseits nerven die ständigen Qualitätsschwankungen auf der Bild- und Tonspur (speziell im Autoplay-Modus). Playlists informieren den User leider nicht, ob und wie viele Videos sie enthalten. Wann ein sehenswerter Clip folgt, ist in der Abspielliste ebenfalls nicht ersichtlich. Videos mit älteren und unbekannteren Musikstücken bestehen häufig lediglich aus Standbildern. Gelegentlich ist nur ein „Full-Album-Video“ verfügbar, einzelne Tracks können dann nicht ausgekoppelt und in eine eigene Playlist aufgenommen werden. Bei Audiotracks kann keine Wiedergabequalität ausgewählt werden, bei Videos ist das hingegen möglich.

Leider beschränkt sich YouTube Music derzeit noch auf ein Standard-Streaming mit 128 Kilobit pro Sekunde. Spotify ist flexibler und lässt sich optimal an die Bedürfnisse des Nutzers anpassen: Soll das Datenvolumen geschont oder eine schlechte Übertragung kompensiert werden, kann mobil auf 96 oder noch schlankere 24 kbit/s runtergeregelt werden. Im kostenpflichtigen Premium-Tarif bietet Spotify hochwertiges Streaming bis 320 Kilobit pro Sekunde, das klanglich dem qualitativ eher mittelmäßigen Audio-Streaming von YouTube Music überlegen ist und nahezu das Niveau einer Audio-CD erreicht.  

Fazit: Guter Start mit Luft nach oben

Trotz Einschränkungen und einiger Schwächen kann YouTube Music insgesamt überzeugen. Der Dienst lässt sich gut bedienen, funktioniert zuverlässig und punktet mit einer abwechslungsreichen Mischung aus Clips und Musik. Speziell den Fans von Musikvideos ist der neue Dienst eine große Hilfe, da sie schnell fündig werden und sich nicht mehr durch das äußerst heterogene Gesamtangebot von YouTube durcharbeiten müssen. Das umfangreiche Audioarchiv macht ebenfalls Freude. Da YouTube Music noch nicht lange auf dem Markt ist, folgen sicherlich noch Verbesserungen. Bei der Aufbereitung und Präsentation des heterogenen Archivs besteht auf jeden Fall Optimierungsbedarf. Die Klangqualität will Google laut eigenen Aussagen in Zukunft noch verbessern. So sollen zusätzlich höhere Übertragungsraten für anspruchsvolleres Musikhören angeboten werden.

Wer bis dahin Audio-Streaming auf allerhöchstem Niveau genießen möchte, sollte TIDAL testen. Der Anbieter lockt gerade mit Probe-Abos zum Nulltarif. Im Hifi-Abo (19,99 € monatlich) wird nahezu verlustfrei auf Lossless-Niveau gestreamt (1411 kbit/s). Ansonsten liefert schon der kostengünstigere Premium-Tarif für knapp 10 € einen hochwertigen Sound (320 kbit/s). In beiden Fällen hören Sie Musik, die nah dran ist am Original. Videos gibt es auch, derzeit umfasst das Archiv laut Anbieter 240.000 Clips in bester Bildqualität (High Definition). Wenn Sie einen Tarif mit begrenztem Datenvolumen nutzen, ist allerdings Vorsicht geboten. Beim mobilen Dauer-Streaming in HD- und CD-Qualität können große Datenmengen schnell nennenswerte Kosten verursachen. Nutzen Sie lieber die Internet Flatrate daheim. Im gemütlichen Smart Home können Sie den Top-Sound ganz entspannt genießen – etwa mit den hochwertigen Streaming-Lautsprechern Play 1 und Play 5 von Sonos.

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von Rüdiger Maulko

Mehrjährige Tätigkeit an der Universität Hamburg, danach freier Dozent, Texter
für Werbeagenturen und freier Publizist. Promotion im Fach Medienwissenschaft über
die Digitalisierung des Fernsehens.
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