Bitte nicht noch eine App!

von Rob Vegas

Immer mehr Firmen bauen smarte Funktionen in ihre Endgeräte für die Kunden ein. Da darf natürlich auch die hauseigene App zum Produkt nicht fehlen. Nur brauchen wir überhaupt hunderte von Apps auf unseren Smartphones? Sind Apps immer auch gleichzeitig sinnvoll für die Bedienung?

Vor ein paar Jahren scherzte man noch auf der Computermesse CeBIT im Gespräch mit Experten über smarte Waschmaschinen. Im Jahr 2016 sind sie längst Realität in vielen Wohnstuben auf diesem Planeten. So ziemlich jedes Gerät im Haus kann bald über das eigene Smartphone angesteuert werden. Lediglich die Wäsche muss man noch per Hand aus der Maschine nehmen. Nur bedeuten diese neuen Möglichkeiten auch immer mehr Apps von verschiedenen Herstellern auf einem eigenen Homescreen. Als Tester von smarten Produkten wünsche ich mir dabei oft weniger Apps. Vor allem ist manchmal eine klassische Fernbedienung einer App haushoch überlegen.

Knöpfe können praktisch sein

Daheim verwende ich gern Amazon Fire TV für Serien und Filme am Fernseher. Dem Gerät liegt eine Fernbedienung bei, welche die Navigation durch die vielen Unterseiten im Menü einfach gestaltet. Per Knopfdruck kann ich sogar ins Mikrofon der Fernbedienung meine Suchanfrage sprechen und an die kleine Box unter dem Fernseher senden. Ich könnte dafür aber auch die App von Amazon nutzen. Tue ich aber selbst als Digital Native nie. Warum nicht? Ich müsste dafür erst mein Smartphone aus der Tasche holen, es entsperren, die App auf dem zweiten Screen links unten anwählen, auf eine Verbindung warten und nebenbei noch vorher Bluetooth zur Datenübertragung aktivieren. Das dauert im Vergleich zur Fernbedienung viel zu lange in der Praxis bei Chips am Abend. Ich greife stattdessen zur klassischen Fernbedienung, drücke auf zwei Knöpfe und habe mein Ergebnis. Apps sind manchmal sehr nett und smart angedacht, aber das Erlebnis für den Nutzer ist oft schlechter als die analoge Variante. Mittlerweile habe ich die App von Amazon sogar wieder vom Smartphone deinstalliert. Digital Detox sozusagen, weil die Flut an Apps einfach kein Ende kennt. Mitunter ist der eigene Finger die beste App und benötigt nicht einmal Bluetooth.

Sieben Screens und 20 Unterordner

Apps waren einmal sehr clever für die Touchscreens bei Telefonen und Tablets angedacht. Die Anzahl an Applikationen war übersichtlich und alle Programme passten auf den Hauptbildschirm. Laut Nielsen nutzen die Menschen im Jahr 2013 durchschnittlich 30 Apps pro Monat regelmäßig. Vor allem aber verbringen die Nutzer immer mehr Zeit mit diesen Apps im Alltag. Dabei gibt es neben WhatsApp, Browser, Facebook und Mail nur noch eine handvoll an regelmäßig genutzten Apps. Jeder Nutzer hat sich hier seinen eigenen App-Kosmos gebaut. Mittlerweile gibt es zusätzliche Screens bei den Betriebssystemen von Apple und Google, weil die Vielzahl an Apps nicht mehr auf einen Bildschirm passt. Ordner wurden erfunden und die kleinen Programme liegen immer tiefer in den Ebenen versteckt. Da nutze ich schon oft die integrierte Suchfunktion im Smartphone, um eine spezielle App überhaupt erst zu finden. Vor allem erscheint mir die einzelne App für ein einzelnes Produkt mitunter nicht mehr zeitgemäß zu sein. Mittlerweile hat man als Nutzer eine App für die Überwachungskamera, ein anderes Programm für die Kaffeemaschine und eine dritte App für die Lampe im Wohnzimmer. Zwar kann ich mein Eigenheim sehr smart steuern, aber ich benötige für ein smartes Haus wahrscheinlich bei allen Features mehr als 3500 Apps und werde leicht wahnsinnig. Man stelle sich nur einen Captain Kirk auf der Enterprise vor, welcher für jede Funktion am Raumschiff erst die eigene App öffnen muss. Stattdessen hat man in der TV-Serie einen Communicator und regelt den Betrieb per Sprachfunktion.

Apple und Google haben das Problem erkannt

Apple bietet schon seit einiger Zeit Homekit für iOS an, welches als zentrale App alle angeschlossenen Geräte miteinander vernetzen soll. Auch Google hat mit dem Zukauf der Firma Nest und den Projekten Brillo und Weave dieses Feld für sich erkannt. Man will nicht mehr hundert Apps mit unterschiedlichen Standards, welche untereinander nicht kompatibel sind, sondern das Betriebssystem soll intelligent das smarte Haus steuern. Nur noch eine Oberfläche mit dem immer gleichen Design für alle angeschlossenen Geräte. Noch kocht jeder Hersteller hier seine eigene Suppe bei Standards, Protokollen und Funktionen. Apple ist daher auch eine Gefahr für die Unternehmen. Passt man sich erst einmal Apple Homekit an, so schreibt der Konzern aus Cupertino die Regeln vor und wird auf kurz oder lang auch Gebühren für diese Dienste erheben. Welches Betriebssystem hat ihr Haus? iOS oder Android? Welche Firma ist für die Kontrolle des Hauptsystems zuständig? Wo laufen alle Verbindungen der angeschlossenen Geräte und Dienste zusammen? Wer sorgt für Sicherheit? Noch sind diese Lösungen aber nicht gänzlich beim Kunden und den Produzenten von smarten Produkten angekommen. Man sollte sich daher selbst als Kunde mehr Gedanken um die Welle an Apps machen. Welche App nutze ich wirklich? Welche App ist in ihrer Funktionalität zu kompliziert und langsam, um einen einfachen Vorgang zu steuern? Braucht die App zehn Sekunden, um die Kaffeemaschine per Bluetooth zu starten, so ist mein Finger sehr wahrscheinlich schneller als die App. Man sollte seinen Fokus beim Kauf von smarten Produkten nicht immer nur auf das Gerät legen. Man sollte auch die App dazu testen. Ist sie stabil? Kann sie nur dieses Produkt steuern? Ist die App für andere Produkte des Herstellers ebenfalls vorbereitet?

Die smarten Apps machen das Rennen

Eine App sollte nicht nur einfach ein Programm für einzelne Funktionen vom Gerät sein. Smarte Apps sind schnell, bieten viele Funktionen und können vielleicht auch mit anderen Produkten des Herstellers kommunizieren. Der Rest überfordert in der Masse nur irgendwann den Nutzer, weil die Übersicht verloren geht. Was soll ich als Kunde mit 350 Apps auf meinem Telefon? Es muss einfach und übersichtlich gestaltet sein. Die App muss nicht immer nur auf meine eigene Eingabe warten, sondern selbst smart sein. Wir leben aktuell noch in der Anfangsphase einer smarten Umwelt. Erst einmal muss das Internet der Dinge wirklich kommen. Alle Geräte müssen sich auf eine sichere Kommunikation untereinander einigen. Die Protokolle der Hersteller brauchen einen gemeinsamen Standard. Erst dann wird man wohl erst auf die Vielzahl an einzelnen Apps verzichten können, weil eine App sehr smart und ohne viel Interaktion selbst erkennt, dass es vielleicht gerade in der Garage kein Licht mehr braucht. Bis dahin sollte man sich immer wieder selbst fragen:

"Benötige ich diese weitere App wirklich?"

Artikel vom

von Rob Vegas

Seit 2003 im Netz unterwegs. Blogger, Digital Native, falscher Harald Schmidt
auf Twitter und neuerdings Papa mit Vorliebe für Gadgets.
...

Zurück

Bestellhotline:
0800 4411800