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Wie Kryptowährungen die Welt verändern

von Rüdiger Maulko

Mit beeindruckenden Kursanstiegen hat die Kryptowährung Bitcoin die Finanzwelt im letzten Jahr ordentlich aufgemischt. Ob dies auf Dauer so weitergehen wird, ist umstritten. Die neuen Technologien eröffnen allerdings Optionen, die über den momentanen Spekulationshype weit hinausgehen. Wir geben einen Einblick in neue Konzepte, die momentan diskutiert und erprobt werden.

Smart Home – noch bequemer und sicherer

Smart Home hat sich der Automatisierung von Routineabläufen angenommen, um die Lebensqualität zu steigern und unseren Alltag effizienter und bequemer zu gestalten. Kryptowährungen leiten den nächsten Schritt ein. Vernetzte intelligente Kühlschranke werden mit einem digitalen Konto (Wallet) ausgestattet, das ein Hausbesitzer regelmäßig z. B. mit Bitcoins versorgt. Im Alltag werden dann Lebensmittelvorräte bei Bedarf automatisch aufgefüllt, da der smarte Kühlschrank nun eigenständig im Online-Shop bestellen und bezahlen kann. Sollen etwa smarte Sensoren, Rollläden oder Kameras repariert werden, kann ein Handwerker nicht nur gerufen, sondern auch gleich entlohnt werden. Gerade für Vermieter, die nicht immer vor Ort sind, reduziert sich der Verwaltungsaufwand erheblich. Schäden am Gebäude werden früh durch die Haustechnik erkannt und schnell beseitigt. Als Schaltzentrale für Wartungsprozesse und Bezahlvorgänge dient die intelligente Smart Home Base. Bei der Konzeptionierung von smarten Haushalten könnten Kryptopayments ebenfalls nützliche Dienste leisten, wenn etwa der Einsatz effizienter Energiespartechnik mit Nachhaltigkeitsboni belohnt wird.

Im Bereich Sicherheit denkt man momentan über Konzepte nach, bei denen eine lokale Blockchain smarte Geräte und ihre Transaktionen steuert. Dabei fungiert die Smart Home Base als Miner, der den ein- und ausgehenden Datenverkehr überwacht, Sicherheitsschlüssel generiert, verteilt und überprüft. Hacker, die Smart Home Gadgets kapern und für Cyberangriffe missbrauchen wollen, haben es in dieser Umgebung schwer. Ein direkter Zugriff auf einzelne Geräte oder Sensoren ist nicht möglich, da jede Aktion (z. B. öffne die Tür) vom Miner autorisiert und verifiziert werden muss. Liegt kein gültiger Sicherheitsschlüssel vor oder tauchen Unstimmigkeiten beim Abgleich mit der Blockchain-Buchführung auf, scheitert der Angriff. Erschwerend kommt für Cyberakttacken hinzu, dass die Blockchain redundant auf mehreren Rechnern hinterlegt ist. Sollte sie an einer Stelle gehackt werden, würde dies durch einen Kopienabgleich im Netzwerk sofort auffallen. Sensible Smart Home-Daten (Login-Daten, Steuerungsdaten der Haustechnik) wären in dieser Infrastruktur sicher aufgehoben.

Smart Contracts - wenn Verträge sich automatisch erfüllen

Smart Contracts werden bereits bei der Kryptowährung Ethereum eingesetzt. Sie sind selbsterfüllende Verträge, die den Ablauf einer Vereinbarung von Anfang bis Ende akribisch festhalten und überwachen. Aufgesetzt werden digitale Kontrakte in einer für Computer verständlichen Sprache (Programmiersprache, Computerprotokoll). Wenn eine bestimmte Bedingung erfüllt wird, erfolgt automatisch der nächste Schritt (z. B. Zahlung der ersten Rate für eine Dienstleistung). Smart Contracts erhalten durch ihre Anbindung an die Blockchain eine Rechts- und Beglaubigungsbasis, da sie dort manipulationssicher dokumentiert und abgearbeitet werden. Außerdem sind sie transparent, da jederzeit alle Mitglieder der Community Einsicht nehmen können. Die Vorteile der neuen Technik liegen auf der Hand: Zwischeninstanzen entfallen, die Abwicklung erfolgt automatisch, geht schnell und kann auf globaler Ebene erfolgen. Sogar Maschinen könnten ohne menschlichen Einfluss rechtsgültige Verträge abschließen. Wird etwa für Forschungszwecke eine enorme Rechenpower benötigt, kann diese via Internet automatisch auf dem Weltmarkt eingekauft und mit Kryptogeld bezahlt werden. In der Praxis gibt es allerdings häufiger - gerade bei länger laufenden Verträgen oder plötzlichen Komplikationen - Nachbesserungsbedarf. Bei Smart Contracts ist dies allerdings nicht vorgesehen, denn die Durchführung folgt konsequent dem Code is law-Prinzip und setzt den einmal festgelegten Fahrplan gnadenlos um.

Kryptowährungen machen‘s möglich - flexibler zahlen und shoppen

Ein großer Vorteil von Kyptowährungen ist, dass sie weltweit gültig sind. Kursschwankungen, komplizierte Umrechnungen zwischen Währungen und Gebühren beim Währungsumtausch entfallen. Von den Vorteilen würde das Internetshopping erheblich profitieren, Verbraucher könnten global unkompliziert einkaufen. Hersteller, die kleinere Absatzmärkte bedienen und in geringeren Stückzahlen fertigen, profitierten erheblich bei der Eigenvermarktung von Produkten. Abgerechnet wird direkt mit dem Käufer, die Margen von Zwischenhändlern entfallen, wodurch günstigere Preise realisierbar wären.

Auch die noch in den Kinderschuhen steckende E-Mobilität ist ein geeignetes Einsatzgebiet. Ein angedachtes Szenario ist, dass sich Nutzer bei einer speziellen Blockchain registrieren. Sie wickelt das Geschäftliche eigenständig im Hintergrund ab. Apps sorgen für die geschmeidige Benutzerführung, machen auf Kontostände und verfügbare Ladesäulen in der Nähe aufmerksam, reservieren per Vorkasse eine Ladestation usw. Bewährt sich die neue Technik, können sogar Privathaushalte eingebunden werden. Geplant ist die Nutzung eines speziellen Adapters, den der Reisende nach dem automatischen Abschluss eines Smart Contracts an eine registrierte Steckdose anschließen kann. Er nutzt nur die Hardware (also die Steckdose), die Stromrechnung des Hausbesitzers wird nicht belastet. Nach dem E-Tanken erfolgt ein Vermerk in der Blockchain und der Verbrauch wird anschließend direkt via eWallet abgerechnet. Kostenverursachende Faktoren (Automaten, Kassierer, Kartenzahlung) werden umgangen.

Das ist noch längst nicht alles…

Die genannten Beispiele bilden nur die Spitze des Eisbergs. Denkbar sind noch viele weitere Anwendungen. Krankenkassen belohnen eine gesunde Lebensführung nicht mehr mit Vergünstigungen oder Boni, sondern mit Kryptogeld, das sich flexibler einsetzen lässt. Autoversicherungen schaffen Anreize für ein umsichtiges und energiesparendes Fahrverhalten. Als Grundlage dienen Aufzeichnungen der Bordelektronik des Autos. Sind bestimmte Bedingungen erfüllt, wird die Wallet des Fahrers mit einer Bonuszahlung aufgestockt. Die Transaktionen wickeln Blockchain und Miner ab.

Kryptotechniken sind besonders geeignet für Bereiche, in denen es um Herkunftsnachweise, Rechtssicherheit, routinemäßige Beurkundungen und Beglaubigungen geht. In den USA hat es bereits erste „Blockchain-Trauungen“ gegeben. Vermehrt wird über den Einsatz von Blockchain-Technik bei Online-Versteigerungen und Wahlen nachgedacht. In der Logistik entfallen staatliche Zwischenkontrollen (z. B. durch den Zoll), wenn ein Frachtgut zuverlässig in der Blockchain dokumentiert ist. Die lückenlose Verfolgbarkeit von Waren kann auch für Verbraucher von Nutzen sein, wenn sie beim Einkaufen verlässliche Infos über Herkunft und Herstellung eines Produkts via Smartphone abrufen können. Notare wären nicht mehr zwingend notwendig, wenn ein Smart Contract den Verkauf eines Hauses rechtsverbindlich regelt. Weniger entwickelte Staaten könnten der Korruption und Kriminalität mit Blockchains besser vorbeugen, da Datenbanken mit Besitzrechten für lukrative Grundstücke nicht mehr so leicht manipulierbar wären. Die Automatisierung des Bankenwesens, der Kreditvergabe und des Wertpapierhandels ließen sich ebenfalls vorantreiben. Der Schutz von Urheberrechten sowie die digitale Direktvermarktung von Musik, Bildender Kunst und Literatur sind weitere potenzielle Einsatzbereiche für Kryptotechnik. In der Schweiz experimentieren Stadtverwaltungen mit einer digitalen ID, deren Fälschungssicherheit mit Blockchain-Technik garantiert werden soll. Sie soll für Gebühren, Mietzahlungen oder die Inanspruchnahme städtischer Dienste genutzt werden.

Es gibt aber noch viel zu tun…

Die neuen Technologien sind natürlich keine Selbstläufer. Viele rechtliche und programmiertechnische Fragen etwa im Zusammenhang mit Smart Contracts sind noch nicht geklärt. Der Datenschutz und die Steuerbehörden stünden in einer globalisierten Kryptogesellschaft sicherlich vor großen Herausforderungen. Der enorme Stromverbrauch, der durch rechenaufwendiges Minen und Verschlüsseln verursacht wird, muss unbedingt reduziert werden. Zudem haben Kryptotechnologien und digitale Währungen noch nicht unter Beweis gestellt, dass sie beliebig skalierbar sind, also auch den Ansprüchen sehr großer, gegebenenfalls sogar globaler Systeme standhalten können. Bei schnellem Wachstum kann die komplexe Struktur von Kryptosystemen durchaus Performanceprobleme mit sich bringen. Transaktionen würden sich verzögern, Staus oder stockender Verkehr auf den Datenautobahnen wären die Folge. Bei kleineren Projekten (z. B. private Blockchain fürs Smart Home) wird erst die Zukunft zeigen, ob die anspruchsvolle Technik wirklich für den Hausgebrauch taugt und ökologisch sowie wirtschaftlich vertretbar ist.

Hinzu kommen Sicherheitsprobleme: Angreifer haben bereits erfolgreich Handelsplätze für Kryptowährungen gehackt, Trojaner eingeschleust und mit Phishing-Attacken Login-Daten für Onlinekonten ergattert. Außerdem wurden schon gestohlene Sicherheitsschlüssel sowie manipulierte Wallets und Wallet-Apps eingesetzt, um an das Geld von Anwendern zu gelangen. Da Kryptowährungen nicht abgesichert sind - eine Einlagensicherung wie bei normalen Geldanlagen gibt es z. B. nicht -, droht in solchen Fällen ein finanzieller Totalschaden. Trotz solcher Probleme und Risiken ist davon auszugehen, dass Kryptowährungen und -technologien keine Eintagsfliegen sind. Das Potenzial ist einfach zu groß und Kinderkrankheiten lassen sich beheben. Über Techniken und Konzepte, die effizienter und ressourcenschonender arbeiten, wird beispielsweise schon intensiv nachgedacht.

Artikel vom

von Rüdiger Maulko

Mehrjährige Tätigkeit an der Universität Hamburg, danach freier Dozent, Texter
für Werbeagenturen und freier Publizist. Promotion im Fach Medienwissenschaft über
die Digitalisierung des Fernsehens.
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