Die smarte Stadt kommt (auch) von unten

von Christian Zeiser

Songdo ist eine Planstadt in der Nähe der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. Hier haben Stadtplaner von Anfang an konsequent die Idee einer Smart City verfolgt. Das Ergebnis: Sensoren überwachen die Bewohner sogar noch in ihren Wohnräumen. Die Planer setzten gute Ideen um, wie etwa eine auf dem Rohrpostprinzip basierende Abfallentsorgung. Die Wohnungen sind mit allem erdenklichen Hightech ausgerüstet, fast alles lässt sich über den Fernseher erledigen. Nur auf den Straßen wirkt die Stadt tot, Leben findet dort fast nicht statt. Auf der Spielwiese der Innovationen haben sich vor allem Stadtplaner und Hersteller ausgetobt und dabei an der Bevölkerung vorbei gedacht. Dass dies auch anders geht, zeigen drei europäische Metropolen.

Neue Boote für Amsterdam

Jede Stadt ist anders und hat eigene Besonderheiten und Bedürfnisse, die sich auf die Entwicklung zur Smart City auswirken. So passt es ins Bild der Grachtenstadt Amsterdam, dass dort ein autonom fahrendes Boot entwickelt wird. Das kleine, rechteckige Boot soll einmal mehr können als Passagiere transportieren: Bei Bedarf können sich Gruppen dieser Boote auch selbstständig zu Brücken oder Pontons zusammenschließen.

Amsterdam sieht sich als Vorreiterin bei der Entwicklung zur intelligenten Stadt, schon im Jahr 2008 wurde dort die Projektbörse „Amsterdam Smart City“ gegründet. Hier können Gründer und Tüftler Ideen vorstellen, Partner und Sponsoren finden, Anregungen einholen. Das Ergebnis ist schon überall in Amsterdam sichtbar: So gibt es etwa in der ganzen Stadt Ladestationen für Elektroautos, am einst eher tristen Hafen sind dank eines durch „Amsterdam Smart City“ inspirierten Bürokratieabbaus neue Wohn- und Geschäftsviertel entstanden.

„Smart City“ bedeutet mehr als automatische Beleuchtung und intelligente Verkehrsführung, und den Weg zur intelligenten, zukunftsorientierten Stadt muss auch nicht die Verwaltung alleine gehen. In den Niederlanden beteiligen sich auch private Gründer an der Initiative „Amsterdam Smart City“, etwa die Firma Roetz Bikes. Amsterdam ist als Fahrradstadt bekannt, jährlich landen Tausende Räder in den Grachten, noch viel mehr auf dem Schrottplatz. Die Mitarbeiter von Roetz Bikes sammeln alte Fahrräder ein, zerlegen sie und restaurieren die Bestandteile. Aus denen wird dann auf Bestellung ein neues Fahrrad gefertigt. So kommen Kunden nicht nur zu individuellen Rädern, das Projekt reduziert auch den durch ausrangierte Fahrräder anfallen Metallschrott deutlich.

Die Idee hinter „Amsterdam Smart City“ ist so einfach wie einleuchtend: Den Weg in die Zukunft soll nicht nur die Regierung beschreiten, sondern die ganze Stadt. Dass diese Idee richtig ist, zeigt sich auch daran, dass sich bei der Initiative heute bereits weit über 100 Projekte versammeln.

London, für jeden einsehbar

Auch in der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs läuft die Forschung für eine bessere Zukunft auf Hochtouren. In London hat man verstanden, dass eine smarte Stadt auch smarte Bürger braucht und die Bürger hierfür Zugang zu Informationen. „London Datastore“ ist eine Online-Plattform, auf der über 700 Datensätze rund um die Stadt frei zur Verfügung stehen. Die Informationen reichen von der durchschnittlichen Zeit, die ein Londonder im öffentlichen Nahverkehr verbringt, über die Belastung mit Stickstoff-Dioxid bis hin zu Grundstückspreisen. Nun sind diese Informationen zwar auch in anderen Städten meist nicht unter Verschluss, müssen aber oft mühsam aus mehreren Quellen zusammengetragen werden. Für London sind sie zentral, übersichtlich und frei verfügbar. Früchte trägt der Datastore auch bereits: Auf der Basis der Plattform sind bereits über 400 Apps entstanden, die den Londonern den Alltag erleichtern. Außerdem nutzen Forscher, Gründer und Initiativen die Daten. Die Entwicklung zu einer smarteren Stadt kann in London statt von der Verwaltung prinzipiell von allen angetrieben werden.

Barcelona: Die rebellische Smart City

Die Hauptstadt der spanischen Region Katalonien besticht durch tolles Wetter und großartigen Fußball. Auch bei der Entwicklung zu einer Smart City setzt Barcelona Maßstäbe. Hier stellt seit dem Jahr 2015 die basisdemokratische Bewegung „Barcelona en Comú“ die Bürgermeisterin, die wiederum die Position eines „Chief Technological Officer (CTO)“ in Barcelona schuf – eine Stelle, die man sonst nur aus Firmen kennt. Francesca Brie, eben jener CTO Barcelonas, krempelte das städtische Konzept für eine Smart City von Grund auf um. Wo zuvor vor allem Sensoren amerikanischer Hersteller Daten erfassten – und dann oft nicht einmal untereinander kommunizierten, wie sie sagt –, setzt Brie konsequent auf Bürgerbeteiligung und offene Technikstandards im Sinne von Open-Source-Software.

Dass die Entwicklung einer „Smart City“ immer auch von ihren besonderen Bedürfnissen und Problemen abhängt, zeigt sich an einem ersten Projekt der neuen Regierung: „Bustia Etica“ ist eine Software, mit der jeder Bürger verschlüsselt und anonym Fälle von Korruption melden kann. Generell setzt die Regierung von Barcelona auf die Verfügbarkeit offener Daten: Die verwendete Software zur Datenerfassung und -analyse unterliegt dem Open-Source-Standard, sämtliche erfassten Daten sind über Service-Apps einsehbar. Zudem wurde die Plattform „Decidim“ eingeführt. Auf ihr können Bürger auf Grundlage der verfügbaren Daten Ideen für die Entwicklung der Smart City präsentieren, von Mitbürgern bewerten lassen und im Idealfall mit deren Unterstützung umsetzen.

Francesca Brie bezeichnet Barcelona als eine der Rebellinnen unter den Smart Cities. Während andere Städte, vor allem in Asien, Smart Cities von oben herab entwickeln, setzt Barcelona auf eine enge Verzahnung der Stadtverwaltung mit der Bevölkerung. Auch, wenn wohl kaum eine andere Stadt diesen Weg bisher so konsequent verfolgt wie die Metropole am Mittelmeer: Die Idee, nicht nur die Bedürfnisse der Bevölkerung zu berücksichtigen, sondern sie aktiv in den Gestaltungsprozess mit einzubeziehen, setzt sich auch in anderen Großstädten langsam durch.

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von Christian Zeiser

Der selbstständige Journalist beschäftigt sich seit 15 Jahren mit smarter Technik.
Angefangen hat alles mit dem Thema "3 Megapixel: Digitalkameras werden erwachsen".
Heute verfolgt er interessiert die Entwicklung des Internet der Dinge.

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