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Teilen oder Fragen?

von Jens Lubbadeh

Wer früher Hilfe benötigte, hat den Nachbarn oder Freund gefragt. Heute suchen viele Menschen in Internetportalen nach Unterstützung. Teilen, so die Idee der Sharing-Communities, ist schöner als Kaufen. Aber erleichtert sie auch das Leben? Ein Erfahrungsbericht unseres Autors Jens Lubbadeh.

Das Netz hat unser Sozialleben von grundauf verändert. So sehr die Leute auch auf Facebook schimpfen, es senkt doch zweifellos die Hemmschwelle, sich mit Leuten zu vernetzen, als auch mit Bekannten oder Freunden in Kontakt zu bleiben. Der Freund aus Grundschulzeiten, der jetzt in Neuseeland lebt? Ist gerade den Iron Man gelaufen. Die ehemalige Kollegin von der vorletzten Firma? Erwartet gerade ihr erstes Kind. Und ja, das hätte man vielleicht auch per Email oder Telefon erfahren können. Theoretisch. Doch das hätte sich als „too much“ angefühlt. Denn: Unsere sozialen Kontakte sind unterschiedlich intensiv. Das Netz hat viele Möglichkeiten, diese Stärkegrade zu bespielen.

Saftiger Stundenpreis

Beispielsweise kann das Netz Leute zusammenbringen, um die Idee der Sharing Economy zu verwirklichen: Dinge zu teilen statt sie jeder für sich zu kaufen. Das Ziel ist, den Konsum zu senken und so Geld, Energie und CO2 zu sparen. Als Sinnbild der Nutzlosigkeit von Besitz führen Sharing-Economy-Fans immer wieder die Bohrmaschine an. Und tatsächlich, während ihres langen Lebens tut eine Bohrmaschine gerade einmal 13 Minuten lang das, wofür sie gebaut und wonach sie benannt wurde: Bohren. Den Rest der Zeit liegt sie ungenutzt herum. Eine typische »Bosch« für 70 Euro kommt so auf einen Stundenlohn von satten 323 Euro – gleichauf mit Rechtsanwälten.

Wenn Sie das auch für überbezahlt halten, sind Sie schon eingetreten in die Sharing Economy. Teilen statt Besitzen soll einen Ausweg bieten aus der Bohrmaschinen-Kostenfalle. Eigentlich keine wirklich neue Erkenntnis: In meiner Studentenzeit, wo das Geld knapp floss, war „Kannst du mir mal deine Bohrmaschine leihen?“ ein Standard in meiner WG. Persönlicher Besitz löste sich dort von ganz alleine auf. Und das hatte durchaus etwas Sinnstiftendes. Aber das ist zwanzig Jahre her.

Einfach ist Teilen nicht

Die iGesellschaft versucht dieses Prinzip im großen Stil umzusetzen – ohne, dass sich die Leute persönlich kennen wie in einer WG. Online-Sharing-Communities wollen so all die Schlagbohrmaschinen, Akkuschrauber, Stichsägen, Heißkleber und Winkelschleifer aus ihrem kellerlichen Dornröschenschlaf wachküssen. Aber ist es wirklich so einfach? Ich begebe mich auf die Suche nach einer Bohrmaschine. Zunächst auf Fairleihen.de – aber die sind in Berlin und ich in Hamburg. AlleNachbarn.de ist keine Datenbank für Objekte, sondern eine Art Schwarzes Brett. „Hey, suche ne Bohrmaschine“, könnte ich da zwar digital dranpinnen und hoffen, dass irgendjemand aus meinem Haus es sieht. Ich könnte den Zettel aber auch genauso gut in meinem Haus unten an den Eingang heften – was mir möglicherweise weite Wege ersparen würde. Tauschothek.de hat Bücher, CDs und DVDs, aber keine Bohrmaschinen im Programm.

Bei wir.de bin ich endlich richtig: „Du brauchst nur mal kurz eine Bohrmaschine?“ JA! „Bei wir.de kommst du schnell und sicher mit deinen Nachbarn zusammen“. (Man beachte das „sicher“. Ja, auch Massenmörder können Bohrmaschinen besitzen – vielleicht vor allem die?) Also gut! Ich gebe meine Straße ein und es erscheint allerlei, was in meiner Nachbarschaft angeboten wird: vom „süßen Schlafsack“ über Katzensitting (womit hoffentlich das Aufpassen gemeint ist, nicht das Sitzen) bis zur – juhuu! – Bohrmaschine! „Alexandraengland“ hat eine und verleiht sie (bei Bedarf auch Wasserwaagen und Maulschlüssel). Ich klicke auf den „Anfragen“-Knopf, dann Ernüchterung: „Alexandraengland“ wohnt zwar nicht in England, aber 250 Kilometer und 179 Meter von mir entfernt. Nachbarschaft legt man bei wir.de offenbar recht großzügig aus.

Gefälligkeiten kosten

Ein letzter Versuch: frents.com hat Bohrmaschinen. „Sven“ wohnt zwar nicht ganz um die Ecke, aber was mich mehr stört, ist, dass er satte 25 Euro für das Leihen seiner Bosch haben will. „Jan12“ ist nicht so gierig, er verleiht sie für einen Euro pro Tag. Ein Euro pro Tag. Hätte ich das damals meinen Mitbewohnern gesagt, ich wäre zum Spott der ganzen WG geworden. Das ist die Kehrseite der Sharing Economy: Es gibt noch Preisschilder. Sie kleben jetzt nur auf den Gefälligkeiten statt auf der Ware. Airbnb und Uber stehen exemplarisch für diese Kapitalisierung der Gemeinschaft, die der Philosoph Byung-Chul Han in der Süddeutschen Zeitung kritisiert hat. Airbnb ökonomisiere Gastfreundschaft, so Han, „es ist keine zweckfreie Freundlichkeit mehr möglich“. Letzten Endes führe die Sharing-Ökonomie zu einer Totalkommerzialisierung des Lebens. Aber es gibt Gegenbeispiele: Couchsurfing ist kostenlos. Essen teilen über Foodsharing.de auch. Nur zur Erinnerung: Fragen – ohne .de – kostet auch nichts. Genau das werde ich jetzt bei meinem Nachbarn tun. Das Netz mag die Leute vernetzen. Aber am Ende sind es doch immer zwei Menschen aus Fleisch und Blut, die sich die Bohrmaschine reichen und einander vertrauen müssen.

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