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Musik-Streaming: Neue Dienste, neues Verhalten

von Kathi Flau

Früher haben wir Platten aufgelegt oder Kassetten reingeschoben. Heute läuft alles über Musik-Streaming. Hier finden Sie ein paar spannende Fakten dazu!

Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein, bei allem, was du machst. Und wenn's so richtig ******** ist, dann ist da immer noch die Musik. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen, und du hörst immer nur diesen einen Moment.

Ein Zitat aus dem Film Absolute Giganten, gedreht 1998. Was Floyd sich damals gewünscht hat, ist längst in Erfüllung gegangen. Musik ist da, immer, überall, jeder Mensch kann den Soundtrack seines Lebens entwerfen, kann ihn bei sich tragen und jede Sekunde damit untermalen. Er kann ihn herstellen, in Endlosschleife hören oder komplett ändern, von einer Sekunde zur nächsten, er ist nicht nur Hörer und Empfänger, sondern immer auch DJ.

40 Millionen Songs sind verfügbar

Wir alle haben viel mehr Musik als Zeit, sie zu hören. Und zwar nicht im übertragenen Sinn, sondern wortwörtlich: Die Zahl der Songs, die allein über den Streamingdienst Spotify abrufbar sind, reicht für zwei Menschenleben: 40 Millionen. 2008 als „legale Alternative zur Piraterie“ an den Markt gegangen, ist Spotify, die Mutter des Streamings, mit 100 Millionen Usern bis heute die Nummer eins. Ihr Konzept, das sogenannte Freemium-Modell, ist einfach: Das schlichte Abspielen von Songs ist für die User zunächst kostenlos. Wer qualitativ bessere oder werbefreie Aufnahmen hören will, zahlt für ein Premium-Konto 9,99 € im Monat. Und empfängt Musik mit einer maximalen Bitrate von 320 kbit/s statt wie in der kostenlosen Version mit 160 kbit/s (ein Unterschied, der sich beim Hören von Pop oder Mainstream kaum bemerkbar macht, erst recht nicht auf mobilen Geräten; Klassik- oder Jazzfans hingegen hören die unsauberen Nuancen wahrscheinlich sofort). Er hat außerdem die Möglichkeit, seine Playlists offline abzuspielen. Und kann sein Konto auch im Ausland unbegrenzt nutzen. Ein Drittel aller Spotify-User meinen, dass sich diese Investition lohnt, die anderen zwei Drittel nehmen Werbung und eine niedrigere Qualität der Songs in Kauf und zahlen nichts.

Viel, schnell, jederzeit verfügbar – das ist Streaming

Unter anderem sind es Algorithmen, die den Geschmack der Kunden scannen und bedienen. Aber nicht nur. Playlists werden ebenso von Plattenfirmen und Usern erstellt und eingespeist. Der ganze Stolz des amerikanischen Services Beats Music, den Apple 2014 für drei Milliarden Dollar erwarb und 2015 in Apple Music überführte, war seine "human curation", das betreute Hören durch Musikfachleute statt durch Algorithmen. Im Hintergrund des Anbieters arbeitet quasi eine Redaktion, die immer wieder Playlists zusammenstellt oder modifiziert – ein Versuch, dem Ganzen einen individuellen Touch zu verleihen, etwas mehr Seele, und gleichzeitig dem Konsumverhalten der User noch weiter auf die Spur zu kommen.

Keine haptischen Erlebnisse

Auf den ersten Blick scheint Streaming für Liebhaber, Sammler und Fans eher ungeeignet. Denn im Stream spielt zwar die Musik, mehr aber auch nicht. Das gesamte Drumherum, das das analoge Hören zu einem komplexen Erlebnis macht - Cover, Bootlegs, B-Seiten, Sonderpressungen – fällt weg. Selbst das Albumformat löst sich auf: Wo man früher eine Platte wegen der zwei, vielleicht drei Lieblingstitel besitzen wollte, nein: musste!, und die restlichen neun oder zehn mittelmäßigen dafür in Kauf nahm, hört man jetzt einfach nur diese Lieblingstitel und lässt den Rest weg. Alles ist direkt verfügbar. Man steht nicht an Kassen an, bestellt nichts vor und erlebt nie die Enttäuschung des Ausverkaufs. Allerdings auch nie das Glück, etwas ganz Besonderes für sich entdeckt zu haben. Im Stream, das ist sein Vor- und sein Nachteil, wird die Musik gewöhnlich.

Retro ist wieder gefragt

Sieht man aber genauer hin, wird klar: So analog ist die vermeintliche Analog-Community gar nicht. Sie ist smart. Sie hat einerseits für ein grandioses Comeback des Vinyl gesorgt: Während sich die Schallplattenproduktion Mitte der 90er Jahre kurz vor dem Nullpunkt befand, wurden 2015 laut Handelsblatt weltweit wieder zwischen 90 und 100 Millionen Platten produziert. Verglichen mit dem Streaming, ist Vinyl natürlich der Inbegriff einer vollkommen gegensätzlichen Philosophie des Hörens, einer Art Retrobewegung. Andererseits schließt das natürlich nicht aus, dass derselbe User, der zu Hause seine Plattensammlung schätzt, unterwegs auf Audio-on-Demand zurückgreift.

Auch Discounter sind am Start

Eine komplexes Geschäft, seitens der User ebenso wie seitens der Anbieter. Der Markt ist riesig und wandelt sich ständig, und jeder orientiert sich an dem, was ihm persönlich am wichtigsten ist: Deezer punktet mit einer gut strukturierten Benutzeroberfläche und der größten Musikauswahl aller Anbieter, dafür ist die Nutzung im Offline-Modus stark eingeschränkt. Napster bietet zum gleichen Preis ebenfalls fast 40 Millionen Titel an und dazu eine hervorragende App, hält sich mit personalisierten Empfehlungen aber sehr zurück. Apple Music lässt sich von potentiellen Abonnenten besonders lange testen – ein kostenloser Einstieg ist auch gar nicht möglich. Auch bei Tidal nicht, der Streaming-Kooperation einer Handvoll Musiker um Jay-Z. Dafür bietet die Plattform die höchste Soundqualität und, den Künstlern entsprechend, exklusive Inhalte wie Vorab-Veröffentlichungen. Etwas günstiger als all diese Anbieter ist ALDI life Music: für 7,99 € pro Monat bietet es ebenfalls eine riesige Auswahl an Titeln sowie eine userfreundliche App, ist allerdings auch nicht kostenfrei zugänglich. Und so kann man sich durch hunderte weitere Streamingdienste klicken.

Hugh macht Musik

Lustig wird es, wenn die anfangen, nach Nischen zu suchen, nach kleinen Zugaben und Gadgets, um ihre Kunden zu binden. Playboy Music zum Beispiel (ja, auch Hugh Hefner besitzt einen eigenen Streamingdienst) zeigt zur Musik seiner wenig bekannten Künstler tanzende Models und Playmates. Männer, so App-Chef Jeff LaPenna, würden das Angebot genießen, Frauen hingegen „ermutige“ es - zu was auch immer. Und Apple Music erweitert sein Streaming-Angebot um einen „Fashion Channel“: drei Playlists, die der Haute-Couture-Designer Alexander Wang exklusiv kuratiert hat. Wer das braucht, außer Wang-Victims? Vermutlich niemand.

Bei den Künstlern bleibt wenig hängen

Doch das Geschäft läuft: Im vergangenen Jahr hat allein Spotify fast zwei Milliarden Euro umgesetzt. Davon gingen ca. 70% an die Plattenfirmen - bei den Musikern selbst kommen für jeden Klick auf eines ihrer Stücke etwa 0,003 Cent an, also rund 3.000 Euro für eine Million Zuhörer. Viele Künstler, darunter Adele, Tom Waits oder Coldplay, halten das für Ausbeutung und verweigern ihre Musik daher den Streamingdiensten teilweise oder ganz.

Musikunterricht im Netz

Wer das Streaming und die Vermarktungskonzepte, die im Hintergrund ablaufen, einmal aus Sicht der Künstler erleben möchte, der muss erst einmal einer werden. Auch das geht digital. Gerade junge Musiker sind es oft, die ihr Können erklären und ihre Praktiken zeigen, um sie auch für andere nutzbar zu machen und gleichzeitig Communities zu schaffen, in denen sie sich mit anderen über ihre Projekte austauschen. Für jedes Instrument, jedes Genre, jedes Level, jede Stimmlage und jede Sprache sind Downloads, Apps und Videos verfügbar. Der junge kanadische Pianist Andrew Furmanczyk beispielsweise unterrichtet Theorie und Praxis des Klavierspielens auf www.howtoplaypiano.ca und auf youtube-Videos – also auf der ganzen Welt. Er wolle, sagt er, Menschen erreichen, „die sonst keinen Zugang zu Musikunterricht haben oder ihn sich nicht leisten können“. Millionen folgen ihm bereits. Oder eine Seite wie die der Global Music Community aus London: Hier versammelt sich die gesamte Branche, Musiker genauso wie Produzenten, Techniker oder Digital Support. Alle sind da, jeder Kontakt ist möglich. So wächst der kreative Kosmos zusammen: indem er sich öffnet.

Junge Künstler haben eine Plattform

Was auf diese Weise entsteht, ist ein gigantisches Netzwerk, das sich rund um die Welt spannt, das einerseits miteinander Musik macht und hört, sich andererseits aber auch selbst kritisiert, selbst feiert, selbst pusht und im Ausnahmefall sogar zu echten Stars macht. Lana del Rey ist so ein Beispiel für den Erfolg ohne Plattenvertrag, oder auch, fast hätte man es inzwischen vergessen angesichts seines exzessiv gelebten Ruhms, Justin Bieber. Ihre Musik, einmal digital eingespeist, geht ein in den großen Kreislauf der Vermarktung: Plattenkonzerne, Streaming, Klicks, Verkäufe und schließlich der Traum, den ihr Erfolg Millionen andere weiterträumen lässt: Es auch zu schaffen, eines Tages, auf die Playlists, in die Algorithmen, ins Streaming, den Olymp der Musik.




Artikel vom

von Kathi Flau

Kathi Flau, freie Journalistin und Autorin, hat in Hildesheim Literarisches Schreiben
und Kulturjournalismus studiert. Sie schreibt für Tageszeitungen, Online-Magazine,
für Bankvorstände und eine Schokoladenfabrik. Und beobachtet intensiv die Zukunft
des Schreibens und Lesens.
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