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Kann Facebook bald Gedanken lesen?

von Lena Ingers

Im April machte Facebook mit einem Forschungsvorhaben Schlagzeilen: Der Internetgigant wolle die Gedanken seiner Nutzer lesen. Echt jetzt?

Als weltweit größtes soziales Netzwerk ist es Facebook gelungen, in Lebensbereiche vorzudringen, zu denen Unternehmen normalerweise keinen Zugang haben. Die Menschen teilen auf Facebook ihre Interessen, Gedanken und Gefühle mit, diskutieren politische Ansichten, dokumentieren ihre Lebensläufe und vieles mehr. Schon allein der Gedanke, wie viele private Daten das Unternehmen aus dem Silicon Valley über jeden einzelnen Nutzer sammelt, bereitet vielen Deutschen Unbehagen. Entsprechend aufgeregt griffen die Medien im April deshalb die Nachricht auf, dass Facebook an einer Technologie arbeitet, die es ermöglichen soll, Gedanken zu lesen und in Textnachrichten zu übersetzen. Was steckt hinter der Schlagzeile?

Was genau hat Facebook vor?

Bereits seit einem halben Jahr beschäftigt sich in dem Konzern ein 60-köpfiges Team mit der Entwicklung eines „Direct Brain Interface“, also einer Eingabeschnittstelle zwischen Gehirn und Computer. Das gab die Facebook-Managerin Regina Dugan Mitte April auf der jährlich stattfindenden Entwicklerkonferenz f8 in San Jose bekannt.

Mit Hilfe dieser Schnittstelle sollen gedankliche Befehle des Nutzers erkannt und an den Computer übermittelt werden. Dadurch wäre es zum Beispiel möglich, eine Textnachricht allein per Gedankenkraft zu verfassen und zu senden, ohne das Smartphone anzufassen. In ein paar Jahren schon sollen die Geräte auf diese Art bis zu 100 Wörter pro Minute aufzeichnen können. Das wäre fünfmal so schnell wie ein geübter Nutzer tippen kann.

Gedanken lesen dank Brain Computer Interface – das geht bereits

Ähnliche Brain Computer Interfaces (BCI) gibt es bereits. Facebook selbst verweist auf ein Forschungsprojekt an der Stanford Universität. Dort haben Forscher einer gelähmten Frau ein bohnengroßes Implantat ins Gehirn gepflanzt, das es ihr ermöglicht, acht Wörter pro Minute zu „tippen“. Dazu muss sie nur an den gewünschten Buchstaben denken. Für Patienten, die unter dem Locked in-Syndrom leiden, die also bei vollem Bewusstsein in einem paralysierten Körper gefangen sind, bedeuten solche Gehirnchips einen großen Fortschritt. Endlich können sie wieder mit ihrer Umwelt interagieren und kommunizieren.

Andere Forschungsprojekte verliehen teilweise oder vollständig gelähmten Patienten die Fähigkeit, Roboterarme, Prothesen oder Rollstühle mit der Kraft ihrer Gedanken zu steuern. Dazu mussten sich die Probanden aber meist einer Operation unterziehen. Den gesunden Durchschnittskonsumenten dürfte das eher abschrecken. Die Alternative zum Gehirnimplantat könnte Elektroenzephalogramm (EEG) heißen. Bei dieser aus der Hirnforschung bekannten Methode werden die Gehirnaktivitäten von Sensoren auf der Kopfhaut gemessen.

Die Geräte aus den Forschungslaboren erinnern an Badehauben, aus denen unzählige Kabel ragen. Firmen wie Neurosky oder Emotiv bieten aber bereits futuristisch aussehende Hightech-Stirnbänder für den Alltagsgebrauch an. Mit diesen so genannten Neuro-Wearables kann jedermann seine eigenen Hirnaktivitäten messen und überwachen.

So funktionieren die Neuro-Wearables

 

Auch Facebook will Spracherkennungsgeräte entwickeln, die man auf der Kopfhaut tragen kann. Das Problem: Bisher sind die Sensoren bei weitem nicht empfindlich und präzise genug, um ganze Wörter oder Sätze aus dem Gedankenstrom des Trägers herauszulesen. Im menschlichen Gehirn spielen sich nämlich viele Prozesse gleichzeitig ab. Nur einen Bruchteil davon nehmen wir bewusst wahr. Beliebige Gedanken aus diesem Hintergrundrauschen herauszufiltern, ist nahezu unmöglich.

Der Unterschied zwischen "Gedanken lesen" und "Spracherkennung"

Stattdessen wird sich Facebook auf die Aktivitäten im Sprachzentrum konzentrieren, also auf jene Gedanken, die wir tatsächlich gewillt sind, in Worten auszudrücken. Wenn Facebook also verspricht, nicht wahllos Gedanken abhören zu wollen, dann stecken dahinter nicht nur moralische Überlegungen, sondern auch praktische. Das Übersetzen von Gedanken und Gefühlen in Sprache und Text erfüllt eine wichtige Filterfunktion. Wir lernen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, wir üben uns in Diplomatie und Feingefühl und wägen unsere Worte ab. So beugen wir Missverständnissen vor und stellen eine effiziente und reibungslose Kommunikation sicher.

Ob es Facebook gelingt, ein alltagstaugliches Gerät zu entwickeln, das diese bewussten Sprachbefehle zuverlässig anhand der Gehirnaktivitäten erkennt, muss sich erst noch zeigen. Unter Laborbedingungen, mit Hilfe von weiteren Hightechverfahren wie der Nahinfrarotspektroskopie und mit ausgewählten Probanden könnte der Internetgigant sein Ziel schon in wenigen Jahren erreichen. Doch sobald das Gehirn im freien Feldversuch, etwa bei einem Spaziergang, von äußeren Reizen geflutet wird, ändern sich die Spielregeln. Wird die Software die entscheidenden Signale auch dann noch heraushören, wenn das Hintergrundrauschen zunimmt?

Obwohl die Hirnforschung große Fortschritte macht, gibt das menschliche Gehirn den Neurowissenschaftlern immer noch viele Rätsel auf. Unsere kleinen grauen Zellen arbeiten – von Geburt an und von ganz alleine – in einer Komplexität zusammen, die bisher niemand wirklich begreifen oder rekonstruieren konnte. Und auch wenn die Schlagzeile spektakulär klingt: Man kann davon ausgehen, dass auch Facebook noch sehr weit davon entfernt ist, tatsächlich Gedanken zu lesen.

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von Lena Ingers

Ich verbringe viel Zeit mit Büchern, meinen Fahrrädern und Nerdkram. Ich freue
mich auf die Zukunft!
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