Generation Selfie – Instagram für Kids

von Rüdiger Maulko

Instagram boomt in Deutschland, im Herbst 2017 wurden 15 Millionen aktive Nutzer pro Monat gezählt. Speziell Jugendliche interessieren sich für die Plattform. Drängt der Nachwuchs auf einen eigenen Account, sollte man sich mit Instagram ausführlich auseinandersetzen.

Selfies bis zum Abwinken – Pro und Kontra von Instagram

Soziale Medien sind ein zweischneidiges Schwert, ihre Vor- und Nachteile werden in der Öffentlichkeit rege diskutiert. Kritiker geben zu bedenken, dass die Plattform eine starke Sogwirkung entwickeln kann. Wer postet, erhält eine konkret messbare Anerkennung in Form von Followern und Likes. Auf der Jagd nach maximaler Belohnung wird der Account für Heranwachsende, die noch mitten in der Persönlichkeitsentwicklung stecken und nach Bestätigung suchen, schnell zum Lebensmittelpunkt. Viele Sammler von Likes und Followern verzetteln sich in einem Überbietungswettbewerb: Wer ist der Fitteste, die Trendigste, die Hübscheste, die Freizügigste etc. Neigen Teenager dann noch zur „Powernutzung“ und verzichten weitgehend auf Auszeiten in Form von Offlinephasen, setzen Dauerstress und eine fast zwanghafte Fokussierung ein.

Ein heikles Thema sind die sogenannten „Hater“. Wer sich exponiert, setzt sich der Kritik aus. Jugendliche müssen plötzlich lernen, mit unverblümten Kommentaren und einem rauen Umgangston umzugehen. Gerät die permanente Feedbackschleife außer Kontrolle, droht sogar Cybermobbing. In der JIM-Studie von 2016 haben 34 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen angegeben, dass in ihrem Bekanntenkreis schon einmal jemand im Internet oder per Handy fertig gemacht wurde.

Weitere Probleme können aus der Betrachtung von Profilen entstehen. Posts von tollen Events und Reisen oder unzählige Selfies perfekt durchtrainierter Influencer üben auf Heranwachsende Druck aus. Während andere ein erfülltes Leben auf der Sonnenseite führen, die Welt erkunden und Highlights in Serie erleben, verpasst man selbst das Wesentliche. Die eigene Existenz wird im direkten Vergleich als langweilig und minderwertig empfunden, Neidgefühle stellen sich ein. Selbst wenn die Manipulationsmöglichkeiten (gezielte Nachbearbeitung und Inszenierung, Verdichtung von Highlights) den Usern bewusst sind, können sie sich den „bad vibes“ nicht entziehen.

Jugendliche mit sozialen Problemen oder einem geringen Selbstwertgefühl sind für die genannten Probleme besonders anfällig. Viele weibliche Teenager stufen sich als zu hässlich, zu dick oder zu unsportlich ein. Die professionalisierte, teils auch recht freizügige Inszenierung von Körpern und Schönheitsidealen setzt gerade sie permanent unter Druck. Zumal sie sich in dem Alter stark an vorgelebten Normen und Vorbildern orientieren.

Befürworter von Instagram & Co halten den Kritikern entgegen, dass man soziale Medien nicht isoliert betrachten, sondern immer größere Zusammenhänge einbeziehen sollte. Wer charakterlich gefestigt ist, auch jenseits digitaler Plattformen echte Freundschaften pflegt und sich insgesamt in einem stabilen sozialen Umfeld bewegt, ist kaum gefährdet. Zudem sind Teenager durchaus in der Lage, einen vernünftigen und dosierten Umgang mit digitalen Medien zu erlernen. Bei richtiger Nutzung können soziale Netzwerke wichtige Orientierungsfunktionen übernehmen, Einsamkeitsgefühle kompensieren, Freundschaften fördern und zur produktiven Verständigung Gleichgesinnter beitragen. Darüber hinaus fördert Instagram als bildbetonte Plattform die kreative Entwicklung, indem Grundlagen über visuelle Gestaltung und den Umgang mit medialen Inszenierungen erlernt werden. Auch müssen sich Heranwachsende rechtzeitig auf gesellschaftliche Realitäten vorbereiten. Und dazu gehört in der heutigen Gesellschaft nun einmal, digitale Medien und soziale Netzwerke souverän und kompetent zu nutzen. Allein der Gruppendruck und die Angst vor Ausgrenzung durch Gleichaltrige werden meist ohnehin dazu führen, dass Jugendliche ein Instagram-Verbot ignorieren und sich dann heimlich mit der neuen Welt auseinandersetzen. Sie streben letztlich nach einem geschützten Bereich, in dem sie sich der Kontrolle der Eltern entziehen, durch selbstgewählte soziale Kontakte eigene Erfahrungen machen und ihre Persönlichkeit weiterentwickeln können.

Optimaler Start – was ist zu tun?

Grundsätzlich ist festzuhalten: Instagram & Co sind nicht an sich gefährlich, Probleme können aber durch bestimmte Verhaltens- und Nutzungsweisen entstehen. Wichtige Voraussetzungen für einen optimalen Instagram-Einstieg sind eine gute Vorbereitung und verbindliche Absprachen. Es empfiehlt sich folgendes Vorgehen:

Vorab informieren und die Kinder in die Verantwortung nehmen: Informieren Sie sich zunächst selbst über soziale Medien, wie sie funktionieren, auf Kinder wirken können etc. Dieses Wissen können Sie dann gezielt weitergeben und die notwendigen Kompetenzen vermitteln. Sprechen Sie mit den Kindern über die Eigenverantwortung, die sie übernehmen. Etwa wenn sie dauerhaft online gehen und private Fotos einer Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Wenn die Kids umsichtig und bedacht handeln, können sie selbst eine Menge für einen gelungenen Instagram-Start tun.

Aufklären und Gesprächsbereitschaft signalisieren: Sprechen Sie mit Ihren Kindern über mögliche Gefahren, wie z. B. Hater, Cybermobbing oder Sexting. Signalisieren Sie, dass Probleme und Instagram-Erfahrungen jederzeit thematisiert werden können. Über negative Kommentare oder Dislikes, die dem Nachwuchs besonders zu schaffen machen, sollte man in Ruhe sprechen.

Schutz der Privatsphäre thematisieren: Klären sie Ihr Kind über die Wichtigkeit einer Privatsphäre sowie über den Datenschutz im Netz auf. Generell sollte der Nachwuchs sehr sparsam mit Angaben zur Person umgehen und immer nur das Nötigste preisgeben. Empfehlenswert ist, sich gemeinsam die Einstellungen von Instagram anzuschauen. Bevorzugen Sie ein privates Profil, das nicht jedem Besucher ungefragt zugänglich ist. Kommende Anfragen von potenziellen Followern sind mit Sorgfalt zu behandeln. Nur vertrauenswürdigen Personen ist der Zutritt zum Profil zu gewähren. Im Zweifel sollten die Kids sich mit den Eltern abstimmen. Speziell öffentliche Profile sind so zu gestalten, dass sie keine Rückschlüsse auf die eigene Person (Alter, Wohnort, Name etc.) zulassen.

Verhaltensregeln vermitteln und Limit definieren: Äußerst sinnvoll ist, ein Limit für die Nutzung von Instagram zu vereinbaren und konsequent auf dessen Einhaltung zu achten. Die Spielregeln der sogenannten „Netiquette“ sind elementar: Sei immer fair, einfühlsam und freundlich. Du bist verantwortlicher Teil einer Community. Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden möchtest.

Umgang mit Bildern thematisieren: Den Kindern sollte klar sein, dass alle abgebildeten Personen ein Recht auf das eigene Bild haben und weder bloßgestellt noch herabgesetzt werden dürfen. Im schlimmsten Fall droht sogar eine Strafe. Unvorteilhafte und sehr private Bilder sind tabu. Vor allem zu intime und freizügige Bilder haben auf einer öffentlichen Plattform nichts zu suchen. Junge Menschen können eine enorme Begeisterung für ihre erste eigene Smartphone-Kamera und deren gestalterische Möglichkeiten entwickeln. Achten Sie aber darauf, dass nicht alles durch das „Auge“ der Kamera gefiltert und für tolle Fotos oder Instagram-Stories ausgewertet wird. Die schönsten und nachhaltigsten Erfahrungen macht man nach wie vor im „Hier und Jetzt“. Machen Sie außerdem klar, dass Bilder und die darin gezeigten Inszenierungen „lügen“ können. Speziell Prominente und Influencer schönen das Dargestellte. Teilweise sind im Hintergrund beauftragte Social Media-Agenturen, professionale Fotografen und Bildbearbeiter am Werk, die Accounts systematisch optimieren.

Für das Urheberrecht sensibilisieren: Zum Umgang mit Bildern gehört das Urheberrecht. Da es im Einzelfall schwierig sein kann, Urheberrechte zu ermitteln und deren Verletzung überhaupt zu erkennen, sollte eine einfache Faustregel gelten: Poste immer nur eigene Bilder und achte dabei auf alle Inhalte. Selbst bei privaten Fotos kann Urheberrecht verletzt werden, etwa wenn bestimmte Marken oder berühmte Bau- und Kunstwerke identifiziert werden können. Und man weiß nie, wer die Fotos in welchen Kontexten teilt. Vorsicht ist ebenfalls bei Screenshots, Downloads oder Kopien von Bildmaterial geboten.

Feedback richtig einordnen: Likes und Follower sind zwar durchaus nützlich, da sie einen messbaren Erfolg für das eigene Handeln darstellen. Letztlich sollten Kinder aber keine maßlose „Like-Gier“ entwickeln und das Feedback von Followern nicht überbewerten, zumal diese nicht automatisch Freunde sind. Einem Kind, das unter negativen Kommentaren und dem „(Dis-)Like-Druck“ leidet, sollte verdeutlicht werden: Definiere dich nicht über Instagram-Feedback. Viel wichtiger als irgendwelche Follower sind die realen Freunde im direkten Umfeld. Das Problem mit den „falschen Freunden“ stellt sich verschärft bei öffentlichen Profilen, deren Beiträge jeder Instagram-Nutzer bewerten oder mit Kommentaren versehen kann. Bei professionelleren Accounts sind viele Likes und Follower gekauft. Auch das sollten die Kids wissen.

Altersgrenze einhalten: Instagram ist offiziell erst für Kinder ab 13 Jahren zugelassen. Das wird in der Regel leider nicht effizient kontrolliert und es gibt viele jüngere Nutzer. Grundsätzlich sollte man sich aber an diese Vorgabe halten, ansonsten könnten Kinder schnell überfordert sein und den potenziellen Risiken von Instagram zu früh ausgesetzt werden. Zudem kann man sich viel Ärger einhandeln, wenn der Nachwuchs unbedacht handelt und etwa Urheberrechte verletzt.

 

 

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von Rüdiger Maulko

Mehrjährige Tätigkeit an der Universität Hamburg, danach freier Dozent, Texter
für Werbeagenturen und freier Publizist. Promotion im Fach Medienwissenschaft über
die Digitalisierung des Fernsehens.
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