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Roboter in der Pflege

von Franziska Wischmann

Roboter, die Menschen aus dem Bett heben und sie zur Behandlung bringen? Die erste Aufklärungsgespräche vor Eingriffen führen oder Kindern die Angst vor einer OP nehmen sollen? Eine tiefenentspannende Vorstellung ist das nicht, auch wenn erste Testphasen mit drollig blinkenden Knopfaugen-Robotern, die Pepper oder Thea heißen und mit lustiger Computerstimme sprechen, eine vielversprechende Resonanz haben: Ärzte gaben den kleinen Helferlein in einem ersten Check gute Noten, weil sich die Extra-Betreuung offensichtlich positiv auf Narkosen und postoperative Ergebnisse auswirken soll.

Vielleicht müssen wir wirklich umdenken lernen. Denn Pflegeforscher sind davon überzeugt, dass humanoide Roboter ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu praktikablen Lösungen im Krankenhausalltag sein können. Gemeinsam mit Wissenschaftlern arbeiten sie unter Hochdruck daran, Prototypen zu entwickeln, die sehen, hören und kommunizieren können. Und die auf Knopfdruck Pflegepersonal und Mediziner in naher Zukunft unterstützen und in erheblichem Maß entlasten können.

Denn Fakt ist: Industrienationen stehen vor einem gigantischen Problem. Die Bevölkerung wird immer älter, gleichzeitig fehlt es an Fachkräften, die die Betreuung im Krankenhausalltag insbesondere von pflegebedürftigen Patienten übernehmen könnten. Laut Prognosen soll es allein in Deutschland in den nächsten Jahren 50.000 offene Stellen geben. Den Pflegenotstand hat Gesundheitsminister Jens Spahn kürzlich zur Chefsache erklärt.

Wie Lösungen konkret aussehen könnten, lässt sich bereits in Japan beobachten. Dort werden erste Prototypen von Robotern in Pflegeeinrichtungen eingesetzt, die wichtige Aufgaben übernehmen – zum Beispiel das Aus-dem-Bett-Hieven. Gerade Trage- und Haltetätigkeiten machen die Pflege bettlägeriger Menschen zur körperlichen Schwerstarbeit. Mit zum Teil schwerwiegenden Folgen: Ein Großteil der Beschäftigten fällt im Verlauf seines Berufslebens wegen chronischer Rückenschmerzen aus. Das Rentenalter erreichen die wenigsten.

Zu wenig Zeit und Personal

Darüber hinaus kommt es im Krankenhausalltag wegen Zeitdruck und Personalmangel an allen Ecken und Enden zu Stresssituationen. Um Ärzte und Pflegepersonal weiter zu entlasten, haben japanische Forscher der Technischen Universität Toyohashi (TUT) einen Roboter namens Tapiro entwickelt, der bei der Visite Gesichter von Patienten erkennt, ihre Krankendaten abgespeichert hat und aktuelle Laborwerte aufrufen kann. Er begrüßt seine Patienten mit „Hallo, wie geht es Ihnen?“ und kann das Gespräch zwischen Arzt und Patient aufzeichnen, wenn wichtige Informationen gespeichert werden müssen. Auf Knopfdruck öffnet sich eine Schublade im Bauch von Tapiro und hält post OP relevante Utensilien wie frisches Verbandszeug und sterile Scheren und Pinzetten parat.

Auch Deutschland setzt auf Roboter in der Pflege

Elevon heißt der Prototyp, den das Fraunhofer Forschungsinstitut in Stuttgart entwickelt hat. Elevon ist ein mannshoher Roboter mit zwei metallenen Armen. Diese können vom Pflegepersonal in die Schlaufen einer Spezialmatratze geschoben werden. Auf Knopfdruck hebt Elevon den Patienten mitsamt der stabilen Matte hoch und transportiert ihn rollend zur Therapie. Elevon lässt sich per App steuern und soll auch hierzulande in naher Zukunft Mitarbeitern Tätigkeiten abnehmen, die körperlich belastend sind.

Wohin die Digitalisierung in der Pflege steuert, zeigt auch das Beispiel eines intelligenten Pflegewagens, der ebenfalls im Stuttgarter Fraunhoferinstitut entwickelt worden ist. Der Car-O-Bot ist dafür konzipiert, intelligent zu assistieren, indem ihm notwendige Materialien wie Spritzen und Verbandszeug entnommen werden können. Entnommenes Material kann per iPad dem Patienten zugeordnet und sofort nachbestellt werden. Das spart Laufwege und administrativen Zeitaufwand.

Mehr qualitativ gute Zeit für die Patienten

Nicht wenige Menschen sehen die neue Entwicklung allerdings auch kritisch. Sie fürchten, dass der zwischenmenschliche Kontakt auf der Strecke bleiben könnte, die Wärme, die Berührungen, die bei Genesungsprozessen, aber auch am Ende des Lebens so essentiell sind. Umfragen zufolge können fast zwei Drittel der über 60jährigen der Vorstellung nichts abgewinnen, künftig von Robotern versorgt zu werden. Was aber alle Pflegeforscher und Entwickler immer wieder bekräftigen: Mit einer umfassenden Digitalisierung, die viele Arbeitsschritte erleichtern würde, bliebe deutlich mehr Zeit für persönliche Betreuung. Und das ist tatsächlich eine beruhigende Vorstellung. Drei Minuten-Slots für Patienten gehörten dann endgültig der Vergangenheit an.  

Artikel vom

von Franziska Wischmann

Franziska Wischmann, Redakteurin mit den Schwerpunkten Wissenschaft und Forschung,
hat mit dem Heranwachsen ihrer Kinder für sich ein spannendes neues Feld entdeckt:
Technik, Gadgets, Apps für jede Lebenslage.

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