Kal Loftus/Unsplash

Wenn der Bot anruft

von Christian Zeiser

Im Mai führte Google-Chef Sundar Pichai auf der Entwicklerkonferenz I/O vor, woran seine Software-Ingenieure zurzeit arbeiten: Google Duplex, eine Technologie, die es Google Assistant erlaubt, selbstständig Telefonate zu führen. Das Ergebnis war durchaus beeindruckend, wie man hier sehen kann.

<iframe src="https://www.youtube.com/embed/JvbHu_bVa_g" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen=""></iframe>

Nicht nur führt der Google Assistant sauber durch Unterhaltungen, an deren Ende eine Reservierung in einem Restaurant und ein Friseurtermin stehen. Die Stimme des Google Assistant ist kaum noch von einer menschlichen Stimme zu unterscheiden. Kurze Pausen, kleine Unsauberkeiten und Fülllaute lassen sie täuschend echt wirken.

Toll – und beängstigend

Trotz der beeindruckenden Präsentation steht die Entwicklung von Google Duplex noch am Anfang. Bisher kann die Technologie nur einige sehr spezielle Aufgaben übernehmen, und diese auch nur in englischer Sprache. Bis deutsche Android-Smartphones und andere Hardware damit ausgestattet sind, vergehen wohl noch ein paar Jahre. Die werden wir allerdings auch benötigen, um uns auf Google Duplex vorzubereiten. In das Staunen über die Künstliche Intelligenz mischt sich nämlich berechtigte Sorge: Prinzipiell ist es nämlich auch möglich, jede beliebige Stimme zu synthetisieren und mit dieser Stimme Telefonate führen zu lassen, was man etwa beim Start-up Lyrebird ausprobieren kann. Bislang funktioniert Lyrebird nur auf Englisch, die Stimme klingt noch deutlich metallisch, wird aber mit steigender Anzahl an aufgenommenen Beispielen immer besser. Weitere Sprachen sind nur eine Frage der Zeit.

Diese technischen Möglichkeiten ermöglichen ganz neue Anwendungen: So könnte die Künstliche Intelligenz etwa eine Support-Hotline übernehmen und mehrere Anrufe gleichzeitig bewältigen, womit sich Wartezeiten stark verkürzen würden. Sie könnte, wie im Video demonstriert, einen Tisch im Restaurant buchen. Noch weiter gedacht: Man steht im Stau und kommt zu spät zu einem Termin. Das Smartphone bemerkt die Verzögerung anhand der Bewegungs- und Kalenderdaten und ruft selbstständig beim Gesprächspartner an, um diesen über die Verspätung zu informieren. Dabei beantwortet es auch etwaige Rückfragen: Was ist der Grund, wie lange wird es voraussichtlich noch dauern und so weiter. Ebenso ist es aber vorstellbar, dass künftig Gaunerbanden die Stimme eines Promis synthetisieren und diese Stimme dann dazu verwendet wird, massenhaft Telefonate mit der Bitte um eine Spende zu führen oder zum Beispiel Falschnachrichten zu verbreiten.

Nun ist es wenig hilfreich, bei jeder neuen Technologie gleich in Panik zu verfallen und anzunehmen, die Künstliche Intelligenz „Skynet“ aus den „Terminator“-Filmen sei jetzt Wirklichkeit und würde ihren Angriff auf die Menschheit starten. Trotzdem braucht es Lösungen. Eine könnte darin bestehen, dass eine Künstliche Intelligenz sich zu Beginn eines Gesprächs als solche zu erkennen geben muss. Google hat dies kurz nach der Präsentation von Duplex bereits zugesagt. Doch was passiert, wenn zum Beispiel auch ein Unternehmen Duplex benutzt, um Anrufe entgegenzunehmen – und irgendwann zwei Google Assistants miteinander telefonieren, ganz ohne menschliche Aufsicht? Bei Google selbst heißt es nur, dass man bei diesen Dingen selbst noch dazulerne, während die KI weiter entwickelt wird. Die Frage, wie wir mit den Möglichkeiten, aber auch den Herausforderungen neuer Technologien umgehen wollen, wird ständig aktueller.

Artikel vom

von Christian Zeiser

Der selbstständige Journalist beschäftigt sich seit 15 Jahren mit smarter Technik.
Angefangen hat alles mit dem Thema "3 Megapixel: Digitalkameras werden erwachsen".
Heute verfolgt er interessiert die Entwicklung des Internet der Dinge.

Zurück