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Selfpublishing: Veränderung der Buchlandschaft

von Kathi Flau

Nach der Musikbranche ist jetzt die Literatur dran: Das Internet bietet neue Möglichkeiten. Hier erfahren Sie mehr zum Selfpublishing im Internet!

Unerkannte Schätze

The Writer's Coffee Shop heißt ein kleiner Independent-Buchverlag in New South Wales, Australien. Obwohl: So klein ist er gar nicht. Zumindest nicht mehr, seit er die Rechte an den Büchern seiner berühmtesten Selfpublishing-Autorin an die Verlagsgruppe Random House verkauft hat. Für schlappe 40 Millionen Dollar. Die Autorin heißt E.L.James, ihre Trilogie „Fifty Shades of Grey“, der Rest ist im wahrsten Sinne: Geschichte. Und zwar die eines Erfolgs, den das Werk in einem der klassischen Publikumsverlage wahrscheinlich nie gehabt hätte.

Klassische Verlage: Nur ein Titel wird gepusht

Denn die arbeiten ähnlich wie die Modebranche: Es gibt ein Frühjahrs- und ein Herbstprogramm, jeweils begleitet von einer großen Messe in Leipzig bzw. Frankfurt und der Verleihung diverser Buchpreise. Ein Titel führt das jeweilige Verlagsprogramm an. Einer. Und nur dieser eine wird gepusht, nur dieser eine kriegt eine Doppelseite im Verlagsheft, nur einer wird den Feuilletons zur Besprechung empfohlen. Alle anderen haben auf dem Markt marginale Chancen. Und das gilt wohlgemerkt für die Bücher von Autoren, die bereits am Markt etabliert sind. Die unverlangt eingesandten Manuskripte neuer Autoren stapeln sich die Verlagswände hoch, weil die Schreibtische der Lektoren längst nicht mehr ausreichen. Dass einer davon gelesen, geschweige denn produziert wird, ist in etwa so wahrscheinlich wie ein Sechser mit Zusatzzahl.

Wachsender Trend: Jedes 2. Buch ist selbstverlegt

Kein Wunder also, dass sich mit dem Selfpublishing eine neue Art des Veröffentlichens etabliert hat: Allein in Deutschland ist derzeit jedes zweite E-Book und ein Viertel aller Printbücher selbstverlegt. Eine Plattform wie Books on Demand bietet jedem Autor Unterstützung bei der Veröffentlichung seines Werks, vom Lektorat und Korrektorat bis hin zur Gestaltung des Covers oder auch zur Vermarktung. Seit 2012 hat BoD seine Preise für das Basisangebot (inkl. Mastering und ISBN-Vergabe) von über 150 Euro auf 19 Euro gesenkt - ohne Folgekosten für den Erhalt eines Datensatzes. Die Titel sind dann zudem in nahezu allen bedeutenden eBook-Stores verfügbar: bei Amazon, Kindle-Shop, Apple iBookstore, Kobo, Barnes & Noble, Weltbild, Thalia, libri GmbH, buecher.de, Mediamarkt und anderen.

Kostenlose Variante

Darüber hinaus gibt es das kostenfreie Prinzip des Direct Publishing: E-Books werden vom Anbieter exklusiv produziert – für den Autor zum Nulltarif, dafür allerdings mit der Einschränkung, nur auf einer einzigen Plattform vertreten zu sein: Kindle Direct zum Beispiel produziert ausschließlich für den Kindle-Reader. Amazon hat für sich die englischsprachige Independent Publishing Platform createspace eingerichtet, über die Autoren gratis ihre Publikationen als Paperback oder E-Book erstellen lassen können, sofern sie sie exklusiv über Amazon vertreiben. Neben dem kostenfreien „Grundangebot“ finden sich auch bei Amazon kostenpflichtige erweiterte Angebote (z.B. für das Marketing). Ebenfalls kostenlos: Unter dem Angebot BoD Fun kann bei Books on Demand eine digitale Druckvorlage bereitgestellt werden, allerdings ohne ISBN.

Der Leser entscheidet

Was sich von all dem verkauft und wer schließlich auf den Bestsellerlisten landet, entscheiden die Leser. Und weil die vor allem leichte, unterhaltsame Genres wie Romance, Fantasy, Science-Fiction, Fan-Fiction oder Mystery bevorzugen und damit auch fördern, tat sich der klassische Literaturbetrieb lange Zeit schwer damit, die Indie-Autoren und ihr Geschäft ernst zu nehmen. Ebenso die Buchläden, die schlicht kein Interesse an einzeln abzurechnenden Titeln haben. Während die klassischen Publikumsverlage mit dutzenden, wenn nicht hunderten Büchern in ihren Läden vertreten sind, lohnt sich die Monatsabrechnung einzelner Titel nicht wirklich.Gezielt kaufen kann man die Indie-Bücher über eine Bestellung trotzdem, doch nicht einmal 10% der Leser nutzen diese Möglichkeit laut einer Studie von Books on Demand. Die meisten kaufen online, ein Drittel aller Leser bezieht das Buch über den Autor selbst.

Das ist Hybrid Publishing

Neuerdings aber rückt die Branche zusammen. Hybrid Publishing nennt sich das Prinzip der Kooperation von Selbst- und Publikumsverlagen. BoD beispielsweise hat in Zusammenarbeit mit Random House Twentysix an den Start gebracht, ein Dienstleistungsmodul, benannt nach den 26 Buchstaben des Alphabets. Das bietet seinen Autoren drei verschiedene Leistungspakete an: Die kostenlose E-Book-Veröffentlichung, die E-Book- und Buch-Veröffentlichung für 39 Euro oder das Print-Digital-Duo inklusive professionellem Coverservice für 199 Euro. Die Titel sind dann sowohl in Online-Shops als auch, trara!, im stationären Buchhandel erhältlich.

»Trüffelschweine« auf Schatzsuche

Aber der eigentliche Witz kommt noch: Die Lektoren von Random House sind unter den Selfpublishern ständig auf der Suche nach interessanten neuen Autoren. Alle BoD-Neuerscheinungen werden auf eine Veröffentlichung in einem der Random House-Verlage geprüft. Außerdem wählt eine Jury aus Lektoren, Marketing- und Vertriebsexperten monatlich Top-Titel aus Belletristik und Sachbuch aus, die in einem eigenen Bereich auf der Homepage präsentiert und über einen Newsletter sowie im Social Media beworben werden. Ähnlich arbeiten andere Verlage mit ihren Hybridprojekten, u.a. dtv digital oder Hanser Box. So hat sich das Selfpublishing von seinem Nischendasein erholt – die klassischen Verlage wollten ein Stück vom Kuchen abhaben. Mittlerweile haben sie nämlich erkannt, dass es sich tatsächlich um Kuchen handelt.

Gute Margen für Autoren

Die Autoren selbst wissen das längst: Laut einer Studie, die BoD jährlich und 2016 bereits zum dritten Mal in Auftrag gegegeben hat, hat die Zahl derer mit unternehmerischem Interesse erstmals die Zahl der Hobbyautoren getoppt: Inzwischen sind es 51%. Und die wissen, was sie wollen: Kostet ein Download eines ihrer Bücher bei Amazon zwischen 2,99 € und 3,99 €, dann erhalten sie davon 70%. Bei BoD/Randomhouse wirbt man mit einem Tantiemensatz von 25% - auf den klassischen Verlagswegen sind es hingegen zwischen 5 und 10%. Den Ladenpreis ihrer Bücher können BoD-Autoren selbst kalkulieren und festlegen.

Neues Selbstbewusstsein

Das Selbstbewusstsein der freien Branche hat sich extrem gewandelt. Menschen wie zum Beispiel der Berliner Eventconcepter Leander Wattig leben zu einem guten Teil davon, dass sie deren Entwicklung schlicht im Auge behalten. Und daraus neue Tendenzen ableiten. „Oft genug“, sagt er auf seiner Homepage über die Digitalisierung der Branche, „werden dabei Ängste geschürt, weil mögliche Nachteile sofort sichtbar sind, während positive Effekte erst gedacht und geschaffen werden müssen.“ Es ist also vieles möglich, und das meiste davon liegt – mittlerweile zum Glück - in der Hand der Autoren selbst, die selbst entscheiden können, zu welchen Konditionen sie sich wo und wie vermarkten wollen, die Möglichkeiten sind größer denn je. Die unfassbare Dynamik der Branche verdeutlicht diese Seite, auf der man den Büchern quasi beim Gekauftwerden zusehen kann.

Fehlerteufel müssen raus!

Doch ganz egal, ob Indie- oder Hybrid-Autor: Unter gar keinen Umständen sollte man auf ein Lektorat verzichten. Nichts wirkt dilettantischer und beim Lesen hinderlicher als schlecht gebaute Sätze, Schreib- oder Kommafehler. Da hilft auch die spannendste Story nichts. Und nein, das kann kein Autor selbst machen. Im Laufe des Schreibprozesses geht der Blick fürs Detail verloren, und zwar jedem, ausnahmslos. Laut Selfpublisher-Bibel zahlt trotzdem bislang nur ein Viertel aller Selfpublisher für ein Lektorat – für das Image der Branche definitiv ein Nachteil und einer der wesentlichen Unterschiede zum klassischen Verlagswesen.

Ein gutes Netzwerk ist Trumpf

Ebenso wichtig ist das Vernetzen. The writer's coffe shop startete 2009 eigentlich als literarische Online-Community mit dem schlichten Subtitel »Where friends meet«. Und dort meldete sich eines Tages auch eine gewisse E.L.James an, damals noch mit einem Skript, das sie als Fan Fiction begonnen hatte und nun hier vorstellte, einer Leser- und Autorenschaft, die ebenso wie sie einen Einstieg in den Independent-Markt suchte. Und obwohl auf der Verlagsseite heute zu lesen ist, dass keine neuen Autoren mehr aufgenommen werden: Die Community ist weiterhin aktiv, die liest, schreibt und vernetzt sich - in der Erfahrung und dem Wissen, dass eine Literatur, die gelesen wird, auch ihren Markt findet. Selbst wenn es den im Moment ihrer Entstehung noch gar nicht gibt.

Artikel vom

von Kathi Flau

Kathi Flau, freie Journalistin und Autorin, hat in Hildesheim Literarisches Schreiben
und Kulturjournalismus studiert. Sie schreibt für Tageszeitungen, Online-Magazine,
für Bankvorstände und eine Schokoladenfabrik. Und beobachtet intensiv die Zukunft
des Schreibens und Lesens.
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