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Das Kinderspielzeug wird immer smarter

von Rob Vegas

Nicht nur die Heimüberwachung ist mittlerweile in die Kinderzimmer eingezogen. Auch das Kinderspielzeug wird immer smarter. Ob Drohnen, Spielzeugautos und Elektrobaukästen – sehr vieles ist heute mit einer App gekoppelt. Manchen Eltern missfällt der Trend. Dabei haben diese Gadgets großes Potential in Sachen Bildung.

Wenn es um die Frage geht, wie vernetzt der Nachwuchs sein darf, haben sich inzwischen zwei Lager gebildet. Die eine Seite propagiert das gedruckte Buch samt Holzeisenbahn. Die andere Seite kann dieses klassische Weltbild in einer vernetzten Welt nicht mehr verstehen. Natürlich gibt es auch noch andere Meinungen, aber die ablehnende Haltung mancher Eltern fällt auf. Am besten sehen die Kinder Bildschirme und Smartphones erst im Alter von 15 Jahren und spielen in der Zeit davor bitte nur Fußball mit Freunden. Befasst man sich allerdings näher mit dem Thema, entdeckt man ganz neue Spielräume für die Kinder bei smarten Spielzeugen. Allerdings muss man bei diesen Simulationen und virtuellen Effekten besonders mit Kleinkindern aufpassen.

Spielzeug für Erwachsene

Eine BB-8 Drohne wird zwar offiziell als Kinderspielzeug vom Hersteller beworben, doch natürlich haben am Ende vermehrt die erwachsenen Fans die ca. 150 Euro auf den Tisch gelegt. Das ist ähnlich wie beim Sortiment von Fischer Technik und Märklin. Hier werden viele Erwachsene zum Kind und kaum ein kleiner Junge könnte sich derlei teure Dinge vom Taschengeld erlauben. Marketing und Lebenswirklichkeit liegen hier oft weit auseinander. Insofern werden heute zwar viele Spielzeuge smarter, aber die Käufer sind überwiegend Erwachsene. Da muss man ganz klar unterscheiden und die Masse der Kinder wird nicht mit Spielzeugen spielen, welche pro Stück mehrere hundert Euro kosten. Vieles ist kostspielige Lizenzware und für moderne Smartphones von Erwachsenen ausgelegt. Insofern muss man sich wirklich den Markt für Kinder ansehen und auch hier noch ein ganz klare Abgrenzung zu Kleinkindern ziehen. Warum?

Die haptische Wahrnehmung erlernen

Als Leser dieses Artikels werden Sie ein Grundverständnis von Statik haben. Sie werden auch Gewichte in ihrer Handfläche grob einschätzen können. Diese Fähigkeiten erlernt ein jeder Mensch neu und einige Wissenschaftler und Psychologen warnen davor, dass besonders kleine Kinder diese Fähigkeiten nicht virtuell über berührungsempfindliche Displays und Animationen erlernen können. Ich erinnere mich hier immer wieder gern an eine Dokumentation auf Phoenix. Dort zeigte man, wie Kinder aus Holzklötzen kleine und große Türme bauen. Irgendwann werden diese Konstruktionen ab einer gewissen Höhe instabil. Sie fallen um und die Kinder erweitern ihre haptische Wahrnehmung. Sie fühlen die Gewichte der unterschiedlichen Bausteine. Sie fassen sie an, schätzen ein und konstruieren im Gehirn den nächsten Turm, welcher dann hoffentlich später kippt. Diese Lernprozesse sind ungeheuer wichtig und ein virtuelles Jenga-Spiel auf einem Tablet kann diese Lerneffekte nur sehr schlecht imitieren. Daher zähle ich mich nicht zu den Verweigerern von smarten Gadgets im Kinderzimmer, aber die Kinder sollten eine gewisse Reife für diese Art von modernen Spielzeugen mitbringen.

Always on auf Lebenszeit

Babys aus dem Jahr 2016 werden sich in er Zukunft nicht mehr mit 250 MB Datenvolumen pro Monat begnügen müssen. Sie werden wohl später über uns lachen. Diese Generation wird immer online sein. Jede Information wird durch Wikipedia und Co. jederzeit und an jedem Ort dieses Planeten verfügbar sein. Manche Lehrer bezweifeln daher schon den Sinn und Zweck von Prüfungen ohne Smartphone. Immerhin werden die Schüler hier einer Situation ausgesetzt, welche sie vor dem Klassenzimmer wohl nie mehr erleben werden. Viel wichtiger wird eine andere Frage sein: Wie gehe ich mit diesen Informationen um? Daher sind smarte Spielzeuge auch als Gewinn zu sehen. Bislang wurden Spielzeuge und Elektronikbaukästen schnell langweilig. Ausgespielt. Ausgelesen. Keine neuen Inhalte mehr verfügbar. Die smarte Welt bietet dagegen Updates für den virtuellen Elektrobaukasten und peppt ihn mit Musik und Effekten auf. Diese Art von spielerischen Lernspielzeugen kann auch Tipps einblenden und somit Hilfestellung leisten. Eine Holzgitarre kann zum Beispiel durch ein Smartphone viel länger interessanter für Kinder bleiben. Die erste Tafel hat vielleicht die Form eines Notebooks?

Das Update der Klassiker

Mit Anki Overdive ist vor einiger Zeit ein ganz neues Spielzeug auf den Markt gekommen. Die kleinen Autos werden per App und Smartphone gesteuert. Die Bahn dazu konstruiert man selbst über Platten und kann Schanzen und Steilkurven selbst verlegen. Das smarte Spielzeug sprengt hier ganz klar den Rahmen einer gewöhnlichen Carrera Bahn. Es ist einfach ein Update und vor allem die App wird vom Hersteller mit immer neuen Ideen für noch mehr Spielspaß erweitert. Darin liegt ein großer Vorteil. Man kauft nicht mehr ein fertiges und damit begrenztes Spielerlebnis, sondern durch die Verlängerung zum Smartphone bleiben diese Spiele länger spannend. Ravensburger bringt mittlerweile die Klassiker der bekannten Brettspiele auch für Tablets auf den Markt. Das ändert nichts an der Situation am Wohnzimmertisch zwischen Eltern, Kindern und verschütteter Cola, aber das Spiel wird smarter. Würfel haben mehr Funktionen und neue Spiele stehend kostenpflichtig zum Download bereit. Bluetooth, WiFi, Apps und Prozessoren erweitern hier einfach die bekannten Grenzen und können somit neuen Spielspaß produzieren. Diesen Fortschritt sollte man nie als Gefahr, sondern als Gewinn für Kinder ansehen.

Eine neue Sprache für Kinder

Mit der fortschreitenden Digitalisierung der Welt ist dabei nicht mehr nur Englisch als Sprache wichtig bei der Förderung von Kindern, sondern auch Programmiersprachen und die Kenntnisse über Programme werden wichtiger. Viele Hersteller bringen dazu mittlerweile ganz eigene Lernspielzeuge auf den Markt. Google Programmierer Dan Shapiro hat zum Beispiel Robot Turtles entwickelt und will damit Kindern das Verständnis von Programmen auf spielerische Art und Weise näherbringen. So verbinden die  Ava Kai Twins von Vai Kai zum Beispiel klassische Holzpuppen mit modernen Mikrochips und lassen das Spielzeug intelligent auf die Umwelt und Bewegungen reagieren. Eine klassisches Holzbahn könnte durch die smarte Technik sehr viel mehr Möglichkeiten zur Vernetzung der Züge und Waggons bieten. Das funkferngesteuerte Auto wird intelligent und kann nicht mehr nur beschleunigen und die Richtung ändern, sondern auch Aktionen ausführen und per integrierter Kamera mehr Spielspaß liefern. Besonders Trends wie Augmented Reality nutzt zum Beispiel auch Nintendo aktuell sehr erfolgreich bei Pokémon Go. In der realen Welt durch ein virtuelles Overlay neue Spielräume schaffen.

Die smarte Balance

Smartes Kinderspielzeug kann sehr viel mehr Spaß und Spiel in die Kinderzimmer bringen. Vor allem kann es länger für Kinder spannend sein und mit neuen Inhalten aufgefrischt werden. Welche interessanten Facetten das haben kann, zeigt zum Beispiel die Toniebox, ein smarter Märchenerzähler, der jetzt mit den ersten 20 Kindergeschichten auf den Markt kommt und auch selbst besprochen werden kann. Denn eines ist klar: Die Zukunft darf kein spezielles Tablet für Kinder sein, welches die komplette Freizeitgestaltung übernimmt. Fußball, Bücher, LEGO und Holzeisenbahnen bleiben wichtig. Der Mix aus smarten Gadgets und der realen Welt ist wichtig. Lediglich werden die Grenzen hier immer mehr verschwimmen. Das zeigt Pokémon Go schon heute sehr deutlich. Um Haltungsschäden am Nacken der Kinder vorzubeugen, sollte man allerdings immer die richtige Balance finden. Nur die Angst vor derlei modernen Spielzeugen ist oft unbegründet, denn diese Generation wird schon sehr viel smarter als wir aufwachen und leben. Vor allem werden sie uns ganz sicher irgendwann fragen: "Wie konntet ihr eigentlich Monopoly früher ohne Tablet spielen?".



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von Rob Vegas

Seit 2003 im Netz unterwegs. Blogger, Digital Native, falscher Harald Schmidt
auf Twitter und neuerdings Papa mit Vorliebe für Gadgets.
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