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Der Arzt der Zukunft sitzt am Handgelenk

von Rob Vegas

Der Begriff "Smart Home" wird von der Gesellschaft oft nur auf das eigene Heim projiziert. Doch mit den smarten Gadgets und dem Internet der Dinge werden auch wir Menschen uns mehr und mehr selbst überwachen. Reden wir aktuell noch über die Gefahren bei der Datenübertragung und Speicherung von Blutwerten, so ist der gesunde Lifestyle schon heute keine Zukunftsmusik mehr.


Seit Jahrzehnten überwacht der Mensch sich selbst. Wir stellen uns zwar oft nicht gern auf die Personenwaage im Badezimmer, aber wir besitzen dieses Messgerät daheim, weil wir über unsere Gewichtsschwankungen informiert sein wollen. Daraus können wir Rückschlüsse ziehen und auch dem Hausarzt im Gespräch von den Entwicklungen beim Körpergewicht berichten. Das Update dieser Kultur ist nun mit dem Internet bereits im Anmarsch. Wir müssen nicht mehr Wochen auf einen Termin beim Arzt warten, bei der Sprechstundenhilfe um Bevorzugung betteln und im Wartezimmer ohne Wlan alte Zeitschriften durchblättern, sondern können unsere Daten bald online übermitteln. Natürlich ist es mit Gefahren verbunden, aber die Gesellschaft hat sich bereits für die Digitalisierung im Gesundheitssystem entschieden.

Daten sammeln ist heute gesunder Lifestyle

Warum verkaufen sich heutzutage Fitnessarmbänder so gut? Als Gesellschaft lieben wir diesen sportlichen Lifestyle. Wie gesund bin ich? Wie gut ist meine Leistung im Sport? Wie kann ich mich mit dem Wissen um meine Werte weiter steigern? Kann mir eine Software mit Daten aus der Cloud gar Tipps für ein besseres Training geben? Wir wollen uns einfach permanent optimieren und gesünder leben. Man könnte es "Selbstüberwachung" nennen. Man könnte es aber auch mit einem modischen Design beim Armband und einem Smartphone zum neuen Lifestyle erheben. Dabei machen Sie und ich hier vielleicht noch einen Unterschied und haben unsere Bedenken bezüglich der Daten, doch gestern geborene Kinder wachsen mit WiFi, der Cloud und diesen Gadgets ganz natürlich auf. Dieser Fortschritt hat längst begonnen. Wir leben heute bereits in der technischen Vergangenheit unserer Kinder. Selbstüberwachung ist längst Lifestyle und die großen Konzerne haben diesen Markt erkannt. Schätzungen zufolge soll der Markt für das smarte Gesundheitswesen bis zum Jahr 2025 auf fast 20 Milliarden Euro anwachsen. Doch wie schaut diese Überwachung unserer Körperdaten aus?

Gewicht, Puls, Schlaf & Blutdruck

Auch der Hausarzt der Zukunft kann uns daheim noch nicht in den Mund schauen. Die heimliche Tafel Schokolade vor dem Fernseher bleibt ein intimer Genuss. Nur können wir schon jetzt unseren Schlaf per App überwachen und auswerten lassen. Wir können mit smarten Waagen und der Software eine Gewichtskurve ermitteln. Dazu haben viele smarte Uhren und Fitnessarmbänder schon einen Pulsmesser integriert. Selbst unsere Körperhaltung können smarte Gadgets jederzeit für uns überwachen. Führt man diese Datenströme über einen längeren Zeitraum zusammen, so erhält man erstmalig ein größeres Bild vom Leben des Patienten. Dafür musste man bislang Wochen im Krankenhaus verbringen und hat sich dort dann eher wenig bewegt. Insofern ist diese Sammlung und Analyse der Daten ein Gewinn für die Menschen, weil in der Theorie die Software frühzeitig Veränderungen und Krankheiten erkennen kann. Der Hausarzt sitzt permanent am Handgelenk und sieht uns nicht mehr nur alle paar Monate bei akuten Schmerzen. Wir werden Tipps für einen besseren Schlafrythmus erhalten, Erinnerungen bei zu viel Faulheit auf dem Sofa bekommen und ermitteln nebenbei permanent unseren Blutdruck. Doch stellen sich in diesem Zeitalter ganz neue Fragen für die Nutzer. Wer wird unser Leben überwachen und uns zu einer besseren Gesundheit leiten?

Dr. Server und Professor Software

Wir werden hier eine echte Revolution im Gesundheitsbereich erleben. Alle Krankheiten und Daten von weltweiten Symptomen werden in der Software abgespeichert und intelligent verknüpft sein. Die neuesten Forschungsergebnisse aus Japan sind für alle Patienten gleichzeitig verfügbar. Wir alle überwachen uns und die Software wird den einzelnen Nutzern vielleicht sogar Vorhersagen aufgrund einer Genanalyse geben können. Das kann sehr viele Vorteile haben, doch natürlich muss man sich als Gesellschaft auch neuen Fragen stellen. In welche Hände lege ich meine Blutwerte? Vertraue ich der zentralen Software von Google in einem Serverpark in Kalifornien? Gleiche ich meine Schlafdaten mit einem Gesundheitssystem von Apple ab? Sollten überhaupt Privatunternehmen diese Sammlung und Auswertung der persönlichen Daten übernehmen? Welche Rollen werden hier in der smarten Gesundheitswelt noch die Krankenkassen haben? Dürfen sie uns für einen unsportlichen Lifestyle mit höheren Beiträgen bestrafen? Oder müsste für diese Revolution im Gesundheitssystem ein globales und unabhängiges Programm geschaffen werden? Immerhin geht es hier nicht um Passwörter für private Mails, sondern um das eigene Leben. Genau hier müsste man auch eine Software genau hinterfragen.

Wie gut sind die Ergebnisse der Software?

Im Endeffekt handelt es sich bei einer Auswertung der Daten immer um Programmcode.  Eine Maschine wertet hier aufgrund von Daten und Alogrithmen aus. Jemand hat dieses Programm geschrieben und es kann Fehler beinhalten. Es wird zwangsweise Updates geben. Es wird falsche Vorhersagen geben. Nur geht es hier nicht um Vorschläge für neue Kinofilme beim Streaminganbieter auf Basis der eigenen Interessen, sondern wirklich um das Leben von Menschen. Man sollte daher behutsam die Revolution einläuten und ethische Fragen vorab klären. Als Nutzer können wir im ersten Schritt nur unsere Daten sammeln und die Tipps der Software beherzigen. Allerdings müssen sich Gesellschaft und die Politik um das große System dahinter kümmern. Wie wird diese Software programmiert? Unter welchen Bedingungen wählt die Software passende Medikamente aus? Welche Ärzte arbeiten weltweit an diesem System mit? Wie geht eine Software mit neuen Forschungsergebnissen um? Wie kann man ein solches System mit Patientendaten möglichst sicher gestalten? Dieses System könnte weltweit zum Einsatz kommen. Wir sollten uns daher nicht um die kleinen Armbänder Gedanken machen, sondern schon einen sehr großen Schritt weiter denken. Denn in Zukunft wird es darum gehen, auf welcher Basis unser Hausarzt seine Entscheidungen treffen soll. Und daran können wir ganz bewusst und aktiv mitarbeiten.



Artikel vom

von Rob Vegas

Seit 2003 im Netz unterwegs. Blogger, Digital Native, falscher Harald Schmidt
auf Twitter und neuerdings Papa mit Vorliebe für Gadgets.
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