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Wieviel Überwachung wollen wir?

von Christian Zeiser

Über Smartphones geben wir alles Mögliche über uns preis. Ist es da noch angebracht, sich auf der Straße an Überwachungskameras zu stören?

Jeden Schritt, den ich mache, registriert meine Apple Watch. Das GPS-Modul meines iPhone weiß, wo ich mich im Laufe eines Tages aufhalte. Bin ich zu Hause, registrieren ein paar Bewegungsmelder, wann ich in welchem Zimmer bin. Gehe ich zu Bett, erhält Siri den Befehl, die Lampen zu löschen. Die digitale Vernetzung sorgt dafür, dass immer mehr Daten über uns gesammelt werden. Was genau weiß Apple, was Google, was die Telekom über mich? Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung. Immerhin hat bisher niemand bei mir angerufen, um mir ein Mitternachts-Abo des örtlichen Kinos anzudrehen, da ich ja eh spät zu Bett gehe. Irgendjemand scheint also mit meinen Daten noch halbwegs verantwortungsvoll umzugehen. Trotzdem: Auf Kameras verzichte ich daheim. So weit geht mein Vertrauen dann doch nicht.

Auch unterwegs kann ich meist sicher sein, nicht von einer Kamera gefilmt zu werden. Sicherlich gibt es Ausnahmen, etwa in der U-Bahn oder bei der Bank, aber dass dort eine Videoüberwachung stattfindet, weiß man, und sie ist gut begründet. Die Videoaufzeichnung in der Bahn ist das Ergebnis einer Reihe von Übergriffen und bedauerlicherweise notwendig. Auf der Straße und auf öffentlichen Plätzen werden wir dagegen bisher nur höchst selten gefilmt – und wenn, dann nur, weil jemand einen Vorfall gemeldet hat. „Anlassbezogene Videoüberwachung“ nennt sich das.

Am Südkreuz bitte recht freundlich

Am Bahnhof Südkreuz in Berlin läuft seit Anfang August aber ein Pilotprojekt, das deutlich weiter geht, wenn auch zunächst nur mit Freiwilligen: Dort wird eine Software zur Gesichtserkennung ausprobiert. Ist das Gesicht eines Kriminellen einmal gespeichert, schlägt diese Software Alarm, sobald die Person von der Kamera erfasst wird, so die Idee. Das bedeutet freilich, dass diese Kameras ständig die Umgebung filmen und sämtliche Personen, die sie erfassen, von einer Software mit einer Datenbank abgeglichen werden. Bewährt sich diese Software, könnte sie künftig an vielen öffentlichen Plätzen eingesetzt werden. Dann werden wir gefilmt und mit einer Kriminellenkartei abgeglichen, wenn wir über den Hamburger Rathausmarkt, den Alexanderplatz in Berlin oder die Domplatte in Köln gehen.

Ist es in Zeiten, in denen unsere Smartphones alle möglichen Daten über uns aufzeichnen, noch angebracht, sich über diese anlasslose Videoüberwachung aufzuregen? Ja, das ist es, aus mehreren Gründen:

Erstens habe ich nach wie vor die Kontrolle darüber, was mein Smartphone von mir wissen darf und was nicht. Ich kann alle möglichen Dienste abstellen. Ich suche mir also aus, welche Daten erfasst werden. Zumindest könnte ich es, und wenn ich es nicht tue, liegt es an mir. Bei der Videoüberwachung habe ich keine Gewalt darüber, wann und wo ich gefilmt werde. Was, wenn eine Kamera jenen Bereich am Hamburger Hauptbahnhof überwacht, an dem sich immer recht viele zwielichtige Gestalten aufhalten? Ich gehe dort einmal in der Woche entlang, meist am selben Wochentag und zur selben Uhrzeit. Mit Sicherheit kann so eine Software zur Gesichtserkennung auch dazu verwendet werden, bestimmte Muster zu erkennen. Ziehe ich dort wöchentlich einen Deal durch? Nein, in der Nähe ist die Bar, in der ich mich in jeder Woche mit einem Freund auf ein Feierabendbier treffe. Das geht die Polizei aber nichts an.

Der Erfolg ist zweifelhaft

Zweitens bedeutet das Auftauchen einer polizeibekannten Person vor so einer Kamera noch lange nicht, dass er etwas Kriminelles vorhat. Alles, was die Polizei dann weiß ist: Person XY, die vor zwei Jahren eine Körperverletzung begangen hat, ist jetzt am Berliner Südkreuz. Und nun? Wahrscheinlich muss Person XY einfach mit der S-Bahn irgendwohin. Der Wert dieses Wissens für die Polizei ist zumindest zweifelhaft.

Ein bekannter Effekt der Videoüberwachung von bestimmten Plätzen ist, dass sich die Kriminalität einfach von dort woandershin verlagert. Ist die Konsequenz, dass wir den gesamten öffentlichen Raum, zumindest in den Großstädten, bald filmen müssen?

Wer in den letzten Jahren in London war, kennt vielleicht das Gefühl, überall im öffentlichen Raum Videokameras zu sehen. Dort wird diese Überwachung bereits großflächig angewendet. Was sie wirklich bringt, hat eine Studie in Genf untersucht: Dort fühlten sich die Menschen dank der Kameras zwar sicherer, Kriminalitäts- und Aufklärungsraten blieben aber auf dem Niveau wie vor dem Start des zweijährigen Pilotprojekts. Es ist also eine trügerische Sicherheit. Und für die möchte ich nicht grundlos gefilmt werden.

Artikel vom   13. September 2017
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