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Was taugen Gesundheitsapps?

vonFranziska Wischmann

Immer mehr Apps rund um Medizin, Gesundheit und Fitness werden auf den Markt gespült. Was taugen Gesundheitsapps wirklich? Ein Expertencheck.

Die Zahlen sind hoch: Rund 90 000 Gesundheitsapps gibt es inzwischen und täglich werden es mehr. In der Regel durchlaufen sie keine Zulassungsverfahren, was Experten mit Sorge beobachten. Erste Studien warnen davor, dass die Daten weder valide noch wirklich sicher sind. Die Gefahr, die sich am Horizont abzeichnet: dass viele neue Anwendungen die Nutzer fehlinformieren oder in falscher Sicherheit wiegen könnten. Wir wollten es genau wissen und haben bei dem renommierten Präventionsmediziner Prof. Dr. Christoph Bamberger vom Medizinisches PräventionsCentrum Hamburg (MPCH) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nachgefragt.

Was halten Sie grundsätzlich davon, dass so viele Menschen ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen?

Davon halte ich als Präventivmediziner natürlich sehr viel. Ich freue mich, dass immer mehr Menschen das herkömmliche "Black Box-Denken" gegenüber ihrem eigenen Körper aufgeben. Es herrschte da doch über viele Jahrzehnte eine gewisse Unmündigkeit, nach dem Motto: Ich kümmere mich um alles, aber für meinen Körper sind mein Arzt und meine Krankenkasse zuständig. In einer alternden Gesellschaft müssen wir von der Gleichung "alt = krank" wegkommen, und das kann das Gesundheitswesen allein nicht schaffen, da brauchen wir sehr viel Eigeninitiative des Einzelnen.

Spüren Sie persönlich in Ihrem Arbeitsalltag einen Paradigmenwechsel bei Patienten? Sind diese besser informiert? Stellen sie konkretere Fragen?

Eindeutig ja. Wobei es immer noch eine Minderheit ist, die sich auch über den Tag des medizinischen Checks hinaus aktiv für ihre Gesundheit interessiert. Aber eine stark wachsende Minderheit. Auch das durchschnittliche Informationsniveau der Menschen steigt, natürlich vor allem dank "Dr. Google". Dabei wandelt sich das "gefährliche Halbwissen" aus den Anfangszeiten des Internet langsam aber sicher in echte Aufgeklärtheit um. Es werden kaum noch offene Fragen zur Gesundheit gestellt, typischerweise heißt es heute: Ich habe über die Methode X oder das Medikament Y gelesen, wäre das etwas für mich?

Wie beurteilen Sie, dass die Zulassung einer neuen Pille, eines neuen Medikaments aufwendige Studien durchlaufen muss, während Gesundheit- und Medizinapps ohne jede Kontrolle auf den Markt kommen dürfen?

So lange es nur um Pulsmessung u.ä. geht, halte ich das nicht für bedenklich. Bisher handelt es ja tatsächlich im Wesentlichen um Lifestyle-Apps. Wenn aber in näherer Zukunft Laboranalysen, EKGs und andere apparative Untersuchungen selbst ausgewertet werden sollen, müssen natürlich die gleichen medizinischen Standards gelten wie überall im Gesundheitssystem auch. Da liegt in der Tat noch viel Arbeit vor uns, um gefährlichen Wildwuchs zu verhindern. Im Prinzip sollte eine App keine Diagnose stellen dürfen, das muss letztlich in ärztlicher Hand bleiben.

In welchem Zusammenhang könnte das Tracken von Gesundheitswerten einen Wert haben? Worin sehen Sie das Potential?

Bei vielen, die bei uns einen umfangreichen Gesundheits-Check durchlaufen haben, würden wir schon gerne sehen, wie sich bestimmte Werte im Verlauf entwickeln. Wir diagnostizieren ja wesentliche seltener echte Krankheiten als vielmehr Schwachstellen, die später einmal zu Krankheiten führen können. Verlaufsmessungen von Blutdruck, Herzfrequenz, Blutzucker, Cholesterin und vielen anderen Werten könnten uns Aufschluss darüber geben, inwiefern ein Patient diese Schwachstellen unter Kontrolle hat.

Welche Vorsorgethemen gehören definitiv in die Hand von Fachärzten?

Wie gesagt: Wenn Apps beginnen, eigenständig Diagnosen zu stellen, aus der ein Patient dann Handlungen ableitet, wird es gefährlich. Ich denke, dass jegliche Labordiagnostik und apparative Untersuchungsverfahren ausschließlich von Ärzten durchgeführt werden oder zumindest abschließend bewertet werden sollen. So ist beispielsweise kein Laborwert per se als normal oder krankhaft einzustufen, nur weil ein Gerät ihn als auffällig markiert. Das muss immer im medizinischen Gesamtkontext interpretiert werden. Vorstellbar ist allerdings, dass der Patient nach ärztlicher Anleitung und mithilfe von Apps Kontrolluntersuchungen durchführt und sie dann mit dem Arzt bespricht, ähnlich wie wir es von der Blutzucker- oder Blutdruckselbstmessung kennen.

Sind Ihnen Fälle bekannt, die zeigen, dass die scheinbare Sicherheit, in denen sich die Patienten wiegen, zu Problemen geführt hat?

Nein, bisher es ist im Gegenteil eher so, dass auffällige Ergebnisse in Gesundheits-Apps die Menschen früher und häufiger zum Arzt bringen. Eine erhöhte Pulsrate, die früher gar nicht wahrgenommen worden wäre, führt jetzt zu einem Arztbesuch. Das führt natürlich zu sehr viel Mehrarbeit und -diagnostik, kann aber in Einzelfällen auch Leben retten.

Aber auch umgekehrt: Inwieweit kann Self-Tracking Krankheitsängste verstärken?

Schwierige Frage. Ich denke, dass einige Self-Tracking-affine Menschen mehr zur Selbstbeobachtung neigen als der Durchschnitt und damit auch eine größere Tendenz aufweisen, sich vor Krankheiten zu fürchten. Im "Zauberberg" war es das ständige Fiebermessen, heute ist es für solche Menschen das Self-Tracking. Dennoch betrifft das nur eine kleine Gruppe unter den Self-Trackern. Bei den allermeisten liegt keine Hypochondrie vor sondern nur ein ein grundsätzlicher Hang zum Quantifizieren. Bei diesem "mathematischen Typus" des Self-Trackers kann ich Krankheitsängste nicht vermehrt feststellen.

Natürlich stellt sich auch die Frage nach der Sicherheit: Wie beurteilen Sie die Gefahr, dass intime Daten ausgelesen und missbraucht werden können?

Diese Gefahr besteht natürlich überall, wo solche Daten in elektronischer Form festgehalten werden. Sprich: überall. Das gilt für Krankenhäuser und Arztpraxen ebenso wie für Privatcomputer und natürlich auch Gesundheits-Apps. Und auch hier gilt: Je mehr sich diese Apps von reinen Lifestyle-Produkten zu echten medizinischen Plattformen entwickeln, müssen diese nicht nur strengen medizinischen sondern auch datenschutzrechtlichen Standards unterworfen werden.

Artikelvom  12. Mai 2016
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