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Umsonst und überall: Freies WLAN für alle

von Sandra Schink

Eigentlich ist heute schon alles möglich. Es ist nur noch die Frage, was wir daraus machen. Wir werden zum Beispiel bald alle überall freies WLAN haben. Was bedeutet das?

Wenn ich die Augen zu mache und mal ganz konzentriert fünf Minuten in die Zukunft gucke, dann sehe ich es schon ganz klar: Wir steuern auf die vollkommene lückenlose Vernetzung zu. So vollkommen, dass es kein Schlupfloch, kein Entrinnen mehr gibt. Aber auch keine unerwünschte Trennung vom Internet: Wir werden online sein. Immer und überall. Kostenlos. Selbstverständlich.

Schon heute können wir in Deutschland überall auf das Internet zugreifen. Okay, im ICE vielleicht nicht immer. Aber fast überall. Und ich höre meine Jungs, wie sie eines Tages ihren Kindern erzählen werden, dass es Zeiten gab, damals, als sie noch klein waren, als man manchmal einfach nicht ins Internet kam! Oder als man sich noch umständlich in verschiedenen Hotspots anmelden musste, um kostenlos surfen zu können. Sie werden sagen: Ja, so war das damals. Wir hatten ja nichts.

Ihr damals, das ist unser Heute: Realität ist, dass es in vielen Cafés, Einkaufszentren, Flughäfen, Bahnhöfen und Hotels bereits kostenlose WLAN-Hotspots gibt, dass es zumindest in Großstädten in einigen Stadtteilen Freifunk gibt, und dass dies von den Betreibern mal als selbstverständlicher Service für Kunden, mal als Vision virtueller Freiheit angesehen wird. Dort wo es noch keine öffentlichen und frei zugänglichen Hotspots gibt, gehen wir über den eigenen mobilen Telefonanbieter ins Netz. Und geraten wir in eine Gegend, in der das Mobilnetz noch nicht perfekt ausgebaut ist und es kein frei zugängliches WLAN gibt, dann fühlen wir uns gefangen in der Edge-Hölle, abgeschnitten von der virtuellen Welt, ohne Kontakt zu Freunden und Diensten. Und das kann uns regelrecht krank machen: Fomo, Fear of missing out, die Angst etwas zu verpassen, ist zwar noch kein medizinisch anerkanntes Krankheitsbild. Offline zu sein, löst aber zweifellos bei einem Großteil der regelmäßig das Internet nutzenden Menschen Unbehagen aus. Mir geht es jedenfalls so, ich gestehe.

Deutsches WLAN-Flickwerk

Dass dieses WLAN-Netz aus Hotspots unterschiedlicher Anbieter derzeit eher wie Flickwerk anmutet und es nicht längst wirklich überall frei verfügbares WLAN gibt, wie es in anderen Ländern wie zum Beispiel Großbritannien oder Südkorea bereits Usus ist, liegt an einem Passus im Internetgesetz, den es so nur in Deutschland gibt: Dank der sogenannten Störerhaftung kann ein Anbieter eines freien WLAN-Hotspots mit zur Verantwortung gezogen werden, wenn ein Nutzer über seinen Hotspot eine Straftat begeht. Wird zum Beispiel von einem Café-Gast illegal Musik über ein freies WLAN heruntergeladen, dann haftet der Wirt, der den kostenlosen Service zur Verfügung gestellt hat, ebenso wie der Gast, der die Straftat begangen hat. Allein dieser Umstand führt dazu, dass frei verfügbares öffentliches WLAN nicht längst zumindest in den Ballungsräumen flächendeckend angeboten wird. Technisch möglich wäre es nämlich.

Die jüngsten Entwicklungen in meiner Heimatstadt Hamburg kommen mir entgegen: Die Stadt hat ein Pilotprojekt gestartet. Gemeinsam mit dem Hamburger Kommunikations-Anbieter Willy.tel wird es ab sofort kostenloses Internet in einigen Bereichen der Innenstadt geben. Gestartet wird mit drei Access Points am Alstertor zwischen Jungfernstieg und Gerhart-Hauptmann-Platz. Wer dort kostenlos surfen möchte, wählt einmal das WLAN MobyKlick aus. Einmal dort eingeloggt, hat er in diesem Bereich freien Zugriff auf das Internet: mit bis zu 100MBit. Das ist schnell.

Ziel ist es, in der gesamten Innenstadt bis zum Ende des Jahres ein homogenes und stabiles Netz durch 180 leistungsfähige Access Points zu installieren. Und bis zum Jahr 2020 soll es in ganz Hamburg bis zu 5.000 Access Points geben.

Auch in einigen Bussen in Hamburg, Lübeck und Berlin gibt es bereits kostenloses WLAN, so wie man es bereits aus den Fernbus-Linien kennt. Also: Einmal einloggen, immer online sein. Ein Traum! Die Vorteile liegen auf der Hand: Das eigene Datenvolumen wird nicht belastet. Einige Anwender könnten dadurch sogar ihre Mobilfunkverträge downgraden und damit Geld sparen. Man muss sich dafür auch nur noch einmal in einen Access Point einloggen, statt sich in jedem Café, jedem Hotel neu anmelden zu müssen, wo man sich vielleicht auch noch überall mit E-Mail-Adresse, Mobilnummer oder Facebook authentifizieren muss.

Die Störerhaftung soll nun abgeschafft werden. Unsicherheiten bleiben jedoch, wie das Portal Netzpolitik.org berichtet.

Location-based Marketing durch freies WLAN

Kostenlos jederzeit von jedem Ort ins Internet zu kommen, bedeutet also die mobile große Freiheit. Doch wie frei sind wir wirklich? Wer partizipiert von unserer Nutzung der Hotspots und Accesspoints? Ihre Einrichtung verursacht ja Kosten: Geräte, Infrastruktur, Wartung müssen von jemandem bezahlt werden. In Hamburg sind das die lokalen Gewerbetreibenden, die ein Interesse daran haben, dass ihre Kunden sich in ihrer Umgebung aufhalten. Das machen sie aber nicht nur, weil sie darauf hoffen, dass diese potentiellen Kunden, die sich da in der Nähe aufhalten, vielleicht mal zufällig im Laden reinschauen und dann auch etwas kaufen.

Über Tracking-Dienste, wie das in iOS integrierte Ad-Tracking oder Location-Apps wie Swarm in Kombination mit Google-Suchen oder mit den Cookies, die wir auf Internetseiten zulassen, können sie "Location-based Marketing" betreiben. Das geht auch jetzt schon – ohne flächendeckendes WLAN. Mit WLAN wird es aber noch einfacher, dem Weg des Kunden zu folgen - und seine Interessen zu nutzen.

Dieses "Location-based Marketing" funktioniert so: Mittels Ortung über das Smartphone werden uns Nutzern auf diesem Smartphone Werbung und Angebote von Geschäften gezeigt, die sich in der Nähe befinden. In Kombination mit unseren Google-Suchen oder unserem Interesse an bestimmten Produkten zum Beispiel bei Online-Händler Amazon wird diese Werbung sogar passend zu unseren Interessen angezeigt.

Wenn ich morgens zuhause also nach einem Kaffeevollautomaten bei Amazon gesucht habe und mich nachmittags auf der Hamburger Einkaufsmeile Mönckebergstraße mit einer Freundin zum Kuchen treffe, dann ist es wahrscheinlich, dass mir dort in der Bannerwerbung meines Smartphone-Browsers ein Werbeangebot angezeigt wird, in dem mir der morgens gesuchte Kaffeeautomat zu einem besonders guten Preis beim in Laufweite liegenden Karstadt angeboten wird. Eigentlich ist das ein toller Service.

Wir sind alle Persons of Interest

Solange diese Dienste also dazu genutzt werden, allein auf unser Konsumverhalten zu zielen und wir auf diese Weise beim Einkauf sogar noch etwas sparen können, ist das ja alles hübsch. Natürlich können sie auch dafür genutzt werden, uns über Sehenswürdigkeiten informieren zu lassen, oder Wissenswertes über Events in der Nähe.

Wir sollten trotzdem nicht die Augen davor verschließen, dass die über uns gesammelten Daten möglicherweise auch missbräuchlich genutzt werden können. Die US-Serie Person of Interest erzählt die Geschichte einer Maschine mit künstlicher Intelligenz, die geschaffen wurde um auf Basis der von ihr aus öffentlichen Netzwerken gesammelten Bewegungsdaten von Personen Rückschlüsse auf mögliche geplante Straftaten zu ziehen und die Behörden darüber zu unterrichten, bevor diese Straftat geschieht. Das klingt noch nach Science Fiction. Utopie ist es nicht.

2013 haben die Veranstalter der Internet-Konferenz re:publica in Berlin die Bewegungsdaten aller in ihrem WLAN angemeldeten Smartphones mitgetrackt und durch Open Data City visualisieren lassen. Hier gibt es einen Ausschnitt, der vollständige Geländeplan ist auf der re:log-Seite des Datenjournalismus-Portals zu sehen. Durch das Markieren einzelner Punkte (mit der Maus klicken, festhalten, ziehen, loslassen) ist es möglich, diesen Punkten über den gesamten Zeitraum der dreitägigen Konferenz hinweg zu folgen – selbst wenn sie zeitweilig ausgeloggt waren.

Selbst versierte Internet-Experten waren schockiert

Dieser kleine Feldversuch, der erst nach der Veranstaltung bekannt gemacht wurde, hat viele Gäste schockiert: Auch wenn die Daten für die Visualisierung anonymisiert wurden, konnten Besucher anhand der Uhrzeit, der von ihnen besuchten Veranstaltungen und auch der mit den passenden Hashtags verbreiteten Tweets auf Twitter einzelne Punkte in der Visualisierung eindeutig bestimmten Leuten zuordnen – und dadurch ihren Weg auf dem gesamten re:publica-Gelände verfolgen. Weitere Hintergründe und Interpretationsmöglichkeiten der Daten erklärt Datenjournalist Lorenz Matzat in seinem Artikel über das Projekt. Er spricht dort auch über die Motivation: "Wir hoffen, dass die Anwendung dazu beiträgt, für den Schutz der eigenen Privatsphäre zu sensibilisieren. Und vielleicht erst einmal darüber nachgedacht wird, warum jemand „Free Wifi“ anbietet, bevor man sich einloggt."

Dass dieses Tracking und diese Visualisierung so einfach umzusetzen war, liegt auch daran, dass die Daten aus der Hand eines einzelnen WLAN-Anbieters kamen. Es wäre wesentlich aufwändiger gewesen, wenn in jedem Raum der Location ein anderer Anbieter einen Hotspot für freies WLAN angeboten hätte. Doch durch die eindeutig vergebene physikalische MAC-Adresse, die jedes Smartphone hat (auch Android- und Windows-Smartphones), wäre die Auswertung der Bewegungsdaten trotzdem möglich, nur das Beschaffen der Daten von den verschiedenen Anbietern wäre etwas aufwändiger.

Muss ich also einfach damit leben, immer verfolgt zu werden?

Die Antwort ist einfach: Solange ich das Internet auch mobil nutzen möchte, ist es gewissermaßen unmöglich, dem Tracking-Netz zu entgehen. Und dabei ist es eigentlich egal, ob ich mich einmal in einem Access Point eines öffentlichen WLAN-Netzes oder immer wieder neu in WLAN-Hotspots von Cafés, Hotels und Einkaufszentren anmelde. Einzig ein ausgeschaltetes Smartphone kann mich vollständig davor schützen, dass meine Bewegungsdaten aufgezeichnet werden.

Mich macht das ein bisschen unzufrieden. Immer wieder checke ich deshalb in den Einstellungen meines iPhone 6, welche Apps auf meine Ortungsdienste zugreifen. Und bin jedesmal überrascht, dass Apps darunter sind, die "immer" meine Daten tracken, und nicht nur, wenn ich die App nutze. Die deaktiviere ich dann. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann habe ich längst den Überblick verloren. Ich nutze meinen Chrome-Browser sowohl zuhause auf dem Desktop als auch unterwegs auf dem Smartphone. Eingeloggt natürlich, denn ich brauche ja auch meine Bookmarks. Auf Google Maps möchte ich nicht verzichten. Facebook und Twitter sind bei mir obligatorisch, und auch wenn die Ortungsdienste dafür deaktiviert sind, so checke ich mich doch oft genug selber irgendwo ein, zum Beispiel auf Veranstaltungen.

Wieviel ich dadurch von mir frei gebe, ob meine Daten jemals gegen mich verwendet werden könnten, ob die Nachteile den geliebten Vorteilen der digitalen Mobilität nicht überwiegen, das kann ich heute noch gar nicht richtig absehen. Und ehrlich gesagt möchte ich mir darum auch nicht dauernd Gedanken machen müssen. Und auch über irgendwelche Hacker, die vielleicht irgendwelche Daten von mir abfangen oder mir gar welche unterjubeln könnten, gerade wenn ich mich in freien WLAN-Netzen bewege, nicht. Vielleicht sollte ich das tun. Aber hey, eigentlich habe ich ja nichts zu verbergen. Und warum sollte mir jemand irgendwelche Schadsoftware installieren wollen?

Und Ihr so? Wie geht es Euch damit?

Aber wie seht Ihr das? Nutzt Ihr freie WLAN-Spots im vollen Umfang? Wie geht es Euch damit? Tut Ihr etwas, um Euch abzusichern? Habe ich vielleicht wichtige Aspekte zum Thema öffentliches WLAN und Datensicherheit übersehen? Überwiegen für Euch Nutzen oder Nachteile?

Ich würde mich freuen, wenn Ihr einen Kommentar hinterlassen würdet. Jetzt bin ich aber erst mal offline

Artikel vom   21. April 2016
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