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Twitter - Viel Meinung in Echtzeit und mit wenig Zeichen

von Stefan von Gagern

Twitter kam in Deutschland nie so richtig in Schwung. Wir zeigen, woran das liegt und warum der Kurznachrichtendienst dennoch in den letzten Jahren seine Fangemeinde gefunden hat.

Seit Donald Trump ist der Kurznachrichtendienst Twitter erneut in aller Munde. Auch nach dem Wahlkampf nutzt Präsident Trump seine berühmt-berüchtigten Tweets für Meinungsmache. In den USA war der Kurznachrichtendienst schon immer ein Hit, in Deutschland hob er im Vergleich zu Facebook nie kometenhaft ab. Ein Grund dafür kann die immer öffentliche Natur der Kurznachrichten sein. Tweets sind öffentlich für jeden sichtbar, während es auf Facebook möglich ist, seine Beiträge nur für den genehmigten Freundeskreis zu veröffentlichen. Vielleicht liegt es daran, dass der Kurznachrichtendienst überhaupt erstmals im letzten Jahr, zum zehnten Geburtstag des Bestehens, Zahlen zu seinen aktiven Nutzern veröffentlichte. Demnach sollen zwölf Millionen Menschen pro Monat mit Twitter hierzulande in Berührung kommen. Hier zeigt sich eine weitere Besonderheit: Bei Twitter ist es auch möglich, Beiträge des Netzwerks zu lesen, ohne überhaupt beim Dienst angemeldet zu sein. Wie viele Menschen Twitter aktiv nutzen, um Kurznachrichten zu verschicken, bleibt bei dieser Zahl weiter im Dunkeln.

Der Anfang als öffentliche SMS

Der weltweit erste Tweet ging vor über zehn Jahren, im März 2006 ins Netz. Firmenmitgründer Jack Dorsey schrieb schlicht „Just setting up my Twttr.“ Der Gründer hatte den Kurznachrichtendienst auf einem Zettel ersonnen. Als „öffentliche SMS“ sollten die Mitglieder des Dienstes einfach kurz schrei­ben, was sie gerade machen – daher auch der Arbeitstitel „Status“ und die bis heute gültige Beschränkung auf 140 Zeichen pro Beitrag. Ursprünglich sollte Twitter nur mit tatsächlich vom Mobiltelefon geschickten SMS-Nachrichten befüllt werden. Die Mobilfunkprovider limitierten die Nachrichten damals auf diese Zeichenanzahl. Auch als Twitter den Schritt zur Webplattform vollzog, blieb die Begrenzung, weil sie sich als praktisch herausstellte. So konnte man die Beiträge auf der Plattform kurz und schnell lesbar machen, wie auch den Aufwand für das Schreiben gering zu halten.

Durchbruch bei Bruchlandung

Aus dem ursprünglich angepeilten Namen „Status“ wurde „Twtr" (der Name war sicherlich von dem damals angesagtem Bilderdienst Flickr inspiriert, der ebenfalls Vokale im Namen wegließ) und schließlich Twitter. Ab 2007 explodierte die Nutzung von Twitter, als der Dienst auf der South By Southwest (@sxsw) Interactive Conference vorgestellt wurde. 60 000 Tweets wurden an diesem Tag geschickt. Der Durchbruch kam im Januar 2009: Der Flugzeugabsturz der US-Airways-Maschine im Hudson River von New York City wird auf Twitter geteilt. Ein Foto von Nutzer @jkrums geht um die Welt und sorgt für Schlagzeilen. Praktisch von der Tragfläche aus können die Menschen, die den Absturz heil überstanden haben, von der Rettung berichten. Das zeigt die Besonderheit von Twitter und der kürzesten Form des „Microbloggings“. Die Nutzer berichten auf Twitter praktisch in Echtzeit, während etwas passiert. Das wird erst durch die Beschränkung auf 140 Zeichen pro Beitrag möglich. Neben dem schnellen Tempo von Twitter ist eine Besonderheit, dass die Innovation oft nicht vom Dienst, sondern von der User-Gemeinde selbst kam – oft aus der Not geboren. So fingen die User an, mit @Username anderen zu antworten – Twitter übernahm die Funktion offiziell. Wenn jemand einen Beitrag eines anderen wiederholte, setzte er „RT“ für Retweet an den Anfang, um den Ursprungsautor zu nennen und den Tweet als Zitat zu kennzeichnen. Heute ist Retweeten eine offizielle Funktion, die Twitter automatisch erledigt. Ähnlich wurden die Hashtags erfunden, die heute ein wesentlicher Teil von Twitter sind. 2013 werden täglich 500 Millionen Tweets weltweit gesendet, etwa eine Milliarde alle zwei Tage. 2014 stellen die Tweets zu den Oscars neue Rekorde mit 3,3 Milliarden Zugriffen auf. Ein Selfie von Ellen DeGeneres mit Stars wurde über 3,3 Millionen Mal retweetet.

Trotz Erfolg unklare Zukunft

„Twitter ist die einfachste Art zu sehen, was gerade in der Welt passiert - in Echtzeit,“ sagte Twitter CEO Jack Dorsey in der Today Show. Diese Einschätzung passt zu den Nutzern in Deutschland, wo sich Twitter vor allem in Diskussionen und News zu Themen wie Politik und Technik bei höher gebildeten Nutzern etabliert hat. Für viele Berufsgruppen wie Journalisten, Politiker oder Promis ist Twitter fast schon zum unverzichtbaren Arbeitswerkzeug geworden. Doch obwohl heute fast keine Nachrichtensendung mehr ohne einen Twitter-Meldung auskommt, ist Twitter heute längst noch nicht so erfolgreich, wie es sein könnte oder müsste. Nicht nur in Deutschland kämpft das Netzwerk immer noch darum populärer und vor allem profitabler zu werden. Im Gegensatz zur Geldmaschine Facebook, die jedes Jahr Milliardenumsätze mit Werbung einfährt, kämpft Twitter immer noch damit, das richtige Geschäftsmodell zu finden. Zwar können Werbetreibende mit Promoted Posts Werbung auf der Plattform schalten und Twitter gibt sich alle Mühe, für Social Media Profis Werkzeuge einzuführen, die zum Beispiel Erfolge der Werbung messen, doch durch die offene Natur von Twitter kann Werbung nicht so zielgerichtet wie etwa bei Facebook zum Beispiel an Personen mit bestimmten Interessen ausgeliefert werden. So ist die Herausforderung, das passende Geschäftsmodell zu finden, immer noch nicht gelöst, die Twitter langfristig das Überleben sichern könnte.

Artikel vom   05. Mai 2017
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