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Tellonym – das neue Portal für geheime Botschaften

von Kathi Flau

Der Name des neuen Portals »Tellonym« kommt von »to tell« und »anonym« und bedeutet, dass wir Botschaften empfangen können, aber nicht wissen, von wem. Auch Antworten sieht das System nicht vor. Neugier und Spannung motivieren mich zu einem Selbstversuch.

Komplimente und Geständnisse auf Tellonym

Er sei jetzt bei Tellonym, schreibt ein Facebookfreund. Das pinkfarbene Logo des Anbieters, verlinkt in der Timeline, ist kaum zu übersehen, darunter steht: „Bei Tellonym kannst du anonyme Nachrichten, Meinungen, Komplimente, Geständnisse, Geheimnisse und vieles mehr von Freunden und Bekannten erhalten.“ Das klingt einfach, und einen Versuch ist es doch wert, denke ich. Wer weiß, was mir jemand auf diesem Weg anvertraut. Ein wenig skeptisch bin ich schon, aber Mädchen genug, um auf angenehme Nachrichten zu hoffen. Und Journalistin genug, um wissen zu wollen, was es mit dieser Geschichte auf sich hat.

Große Gemeinde in kurzer Zeit

Faktisch erstmal das hier: Tellonym ist ein deutsches Produkt, gegründet von dem Berliner Fachinformatiker Max Fehmerling. Die Idee hinter dem Service, den er den bislang gut 10.000 Usern kostenlos zur Verfügung stellt und der demnächst auch als App erscheinen soll, nennt er eine „lustige Möglichkeit für Freunde und Bekannte. Die Reise führt ins Unbekannte."

Die größte Befürchtung der meisten dabei: die Anzahl der Trolle und Hater unter den Mitreisenden. Bloggerin Nadja Katzenberger zum Beispiel nennt Tellonym auf ihrer Seite „ein Portal, das offen dazu einlädt, Menschen zu beleidigen“. Wenn schon nicht-anonyme Dienste mit Hass-Kommentatoren zu kämpfen haben – wie wird es dann erst sein, wenn die gänzlich unerkannt agieren können?

Ich melde mich an und verlinke meine neue Seite ebenfalls bei Facebook – das ist notwendig, denn nur so erfahren die anderen, dass man Tellonym nutzt. Alternativ bzw. zusätzlich ist das auch über WhatsApp, Google+ oder Twitter möglich. Wer mir jetzt eine Nachricht hinterlassen will, klickt einfach auf den Link, er braucht dafür keinen eigenen Tellonym-Account.

Von nun an ist man ausschließlich Empfänger der sogenannten Tells. Sollte jemand mir ein Kompliment machen, kann ich ihn nicht virtuell zurückküssen, ich kann aber auch keinen zur Rede stellen, der eine negative Nachricht hinterlässt. Kein Kontakt zu den Sendern oder zu anderen Empfängern, das ist das Prinzip bei Tellonym. Keine Antwortmöglichkeit. Kein Austausch. Nur virtuelle Einzelhaft. Das scheint in der sonst üblichen Transparenz des digitalen Lebens und des minütlichen Austausches etwas ganz Besonderes zu sein. Und erklärt möglicherweise den aktuellen Hype um Tellonym.

Schöne Komplimente!

Und dann geht es auch schon los: »Deine Storys lese ich immer gerne, du hast eine schöne Art zu schreiben. Ich habe dich einmal live gesehen, du bist bezaubernd. Einen lieben Gruß.« Mein erster Gedanke: Ach toll, das ist ja wie Geburtstaghaben. Und das Beste: Niemand erwartet eine Antwort. Denn im Alltag sind es ausgerechnet Komplimente, die mich immer so seltsam sprachlos oder sagen wir: verlegen machen. Ich weiß darauf einfach nichts zu erwidern. Mehr als ein „Echt, findest Du? Danke,“ oder der Klassiker „Ach, das Kleid ist doch uralt,“ fallen mir nicht ein. Davon bin ich hier erlöst. Diese stille Freude ist genau mein Ding.

Keine Interaktion möglich

»Ich fand dich irgendwie immer interessant, aber wir haben nie wirklich miteinander gesprochen.« Jetzt fange ich an nachzudenken: Nie wirklich miteinander gesprochen - also schon miteinander gesprochen. Smalltalk, eine Bekanntschaft im Vorübergehen, wer könnte das sein? Jemand aus meiner Stadt? Die Ungewissheit in meiner Tellonymzelle schlägt um in Unbehagen. Eigentlich habe ich gar keine Lust, hier drin zu sitzen wie in Einzelhaft, ich will antworten, will wenigstens ein Zeichen geben dürfen. Alles andere ist wie gefesselt sein: Einen Moment lang ganz spannend, weil man nur das annehmen kann, was der andere gibt, während einem selbst die Hände gebunden sind. Aber auf Dauer kein Zustand. »Namen, Namen! Sind doch, wie man weiß, Schall und Rauch. Meistens. - Gruß, Rumpelstilzchen«. Natürlich lässt sich viel aus den Tells herauslesen. Rumpelstilzchen erkenne ich sofort als einen, der mit Text arbeitet. Die kurzen Sätze, die Interpunktion: Das ist jemand, dem Sprache zur Verfügung steht, der nicht lange überlegen muss beim Schreiben. Außerdem bewahrt er, anders als die anderen, eine gewisse Distanz. Rumpelstilzchen flirtet nicht, der interessiert sich nicht für mich, sondern für das Medium. Interessant, denke ich, und vermute, wir kennen uns aus der Branche.

Nur Empfänger zu sein, wird schnell langweilig

Doch wie auch immer: Letztlich zielt schnell jeder meiner Gedanken darauf ab, die Anonymität zu umgehen. Und damit die ganze Idee dieses Forums. Denn die, als Sackgasse angelegt, wird ebenso schnell langweilig. Zu sehr bin ich auf Interaktion programmiert, auf das Spiel, das Pingpong der kleinen Kommentare. Und das ist mein eigentliches Problem mit Tellonym, nicht etwa potentielle Hass-Tells. (Einen einzigen habe ich bekommen, nachts um zwei schrieb mir jemand, ich sei eine „dämliche *****“. Geschenkt.)

Fazit: Tellonym ist in erster Linie, glaube ich, ein Missverständnis. Eine nette Idee, die sich bei der Umsetzung aber selbst im Weg steht. Denn eigentlich geht es ja um das, was man mit dem Begriff „anonym“ assoziiert: einen Flirt, ein kleines Geheimnis. Eigentlich ist Tellonym die digitale Umsetzung eines Zettels ohne Absender, den man im Briefkasten findet. Dieses Spiel ist aber nur solange spannend, wie man irgendwann seine Auflösung erwarten kann. Doch diese Auflösung sieht der Plan eben nicht vor. Nach zwei Testwochen bleibt trotzdem immerhin die Erkenntnis, dass es einige sehr nette Menschen da draußen gibt. Und nur ganz wenige unfreundliche. Und dass wir Anonymität, so richtig echte, gar nicht wollen.

Artikel vom   21. November 2016
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