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Telematik: Auto-Versicherer belohnen sicheres Fahren

vonFranziska Wischmann

Wer seinen Fahrstil per Telematik freiwillig überwachen lässt, kann Geld sparen. Denn immer häufiger belohnen Auto-Versicherer sicheres Fahren mit Rabatten. Was Verbraucherschützer davon halten.

Geld sparen und Sicherheit sind zwei wichtige Grundbedürfnisse – auch beim Autofahren. Sie haben selbst in einem autoaffinen Land wie Deutschland mit Priorität für hohe PS-und Drehzahlbereiche einen gewissen Attraktivitätswert. Deswegen bieten immer mehr KfZ-Versicherer so genannte Telematik-Tarife an. Die Idee dahinter: Sichereres Fahren wird mit günstigeren Prämien belohnt. Weiterer Benefit: Dadurch soll das Unfallrisiko auf der Straße drastisch sinken.

Nach ersten Pilotprojekten wollen in diesem Jahr die beiden größten Auto-Versicherer Allianz und Huk-Coburg entsprechende Tarife vorbereiten. Die Versicherer haben insbesondere Fahranfänger im Alter zwischen 18 und 25 Jahren im Visier. Ein einfaches Rechenbeispiel: Ein wenig geübter Fahranfänger muss für seine Haftpflichtversicherung mindestens 1500 Euro hinblättern. Entscheidet er sich hingegen für einen Telematik-Tarif, kann er runde Summen sparen: bis zu 400 Euro weniger. Das ist eine Stange Geld, keine Frage.

Telematik: Welche Daten werden erhoben?

Auf den ersten Blick klingt das auch erst einmal nach einer Win-Win-Situation. Aber ist es das auch? Was müssen Autofahrer dafür leisten? Ganz einfach: sich beim Fahren über die Schulter gucken lassen. Virtuell natürlich. Dafür installiert der Autofahrer über die On-Board-Schnittstelle (OBD) ein technisches System in seinem Wagen, das sein Fahrverhalten trackt. Die Box und/oder App sammelt umfangreiches Datenmaterial über Standort und viele kleine Verhaltensweise rund ums Autofahren, etwa wo sich der Fahrer zu welcher Uhrzeit befindet, ob er sich an Geschwindigkeitskontrollen hält, wie rassig er Gas gibt und wie scharf er bremst.

Mit Telematik wird ein genaues Bewegungsprofil erstellt

Die Daten werden ausgewertet und fließen in ein Punktesystem. Bei wenigen Punkten sinken die Prämien, hat man viele Punkte, steigen sie. Das ist keine Raketentechnik. Für die Erkenntnis, wie hoch der Punktescore aktuell ist, genügt ein Blick in den heimischen Computer. Aber natürlich gucken auch jede Menge anderer Menschen mit. Und da wird’s undurchsichtig – zumindest für Datenschützer. „Es ist noch nicht genug transparent, was wirklich mit den Daten passiert,” warnt Christian Biernoth, Versicherungsexperte von der Verbraucherzentrale in Hamburg. „Völlig offen ist auch noch, welche Auswirkungen das auf die Beitragstruktur haben wird, weil niemand weiß, wie das Fahrverhalten tatsächlich ausgewertet wird.” Auch wenig transparent sind die tatsächlichen Ersparnisse. Einige Versicherer bitten nämlich erst einmal zu Kasse und lassen sich die Anschaffung einer „Blackbox“ bezahlen. Bis zu 84 Euro kann das kosten. Das Einzige, was wirklich sicher ist? Dass durch die Daten ein präzises Bewegungsprofil erstellt wird, wer sich wann, wo, wie lange aufhält.

In Nachbarländern ist Telematik längst etabliert

Und die über allem schwebende Frage: Was droht, wenn ich zu riskant fahre? Fliege ich dann aus der Versicherung? Dass ihre Police gekündigt wird, befürchten laut Versicherungsmonitor tatsächlich über die Hälfte potentieller Kunden, weswegen sie sich im Zweifel dagegen entscheiden würden. Ein Blick in die Nachbarländer, in denen Telematik-Tarife schon länger etabliert sind, trägt auch nicht gerade dazu bei, dass man sich tiefenentspannt zurücklehnt. In Großbritannien etwa sind Modelle auf dem Markt, die offenbar weit in die Privatsphäre eingreifen. Wenn junge Autofahrer dort zwischen 23 Uhr und 5 Uhr unterwegs sind, bucht der Versicherer automatisch 100 Pfund ab. Gefährliche Nachtfahrten kosten extra. Allerdings gibt es auch ermutigende Zahlen: Die Unfallrate sinkt mit Telematik-Tarife tatsächlich. Und das System setzt bei einem Unfall automatisch einen Notruf ab. Für Neuwagen soll das ab 2018 europaweit Pflicht werden.

Fazit:

Telematik-Tarife sind für Fahranfänger attraktiv, weil sie dazu ermutigt werden, möglichst vorsichtig und nicht über ihre Verhältnisse zu fahren. Dass sie dabei noch eine Menge Geld sparen können, ist der alles entscheidende Bonus. Ob erfahrene Fahrer damit ebenfalls gut fahren, ist die große Frage. Zumindest Verbraucherschützer empfehlen diese Tarife zur Zeit noch nicht.

Artikelvom  22. Februar 2016
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