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So funktioniert Snapchat wirklich

von Stefan von Gagern

An dem Messenger scheiden sich die Geister: Ist Snapchat alberner Spielkram oder einfach das etwas andere Social Network?

Viele halten es für puren Blödsinn, andere lieben es: Snapchat ist gerade für ältere - damit sind aber nicht Senioren, sondern gerade mal über 24-jährige gemeint - ein Buch mit sieben Siegeln. Der Messenger ist nicht gerade zugänglich. Erwachsene mühen sich mit der coolen, aber nicht gerade selbst erklärenden Bedienung ab. Für viele Funktionen muss man nach links, oben oder rechts wischen, um sie überhaupt zu finden. Das ist nicht intuitiv und man ertappt sich immer wieder beim Suchen einer Funktion. Das ist aber keine Schwäche der Entwickler, sondern gehört zum Konzept. Die Macher wollen die jüngere Zielgruppe ansprechen. Viele Erwachsene halten Snapchat für albern und nehmen die App nicht ernst. Vielleicht ist das der Grund, warum Snapchat for allem die wirklich jungen Nutzer begeistert: Letztes Jahr haben 64 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in den USA Snapchat benutzt und es war einige Zeit das am stärksten wachsende Netzwerk. Dieses Potenzial hat sicher auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg erkannt und wollte Snapchat für drei  Milliarden Dollar kaufen. Im Gegensatz zu Vorgängern wie Whatsapp, bei der die Übernahme durch Facebook klappte, lehnten die Gründer Evan Spiegel und Bobby Murphy ab – und das in Zeiten, in denen Snapchat praktisch keinen Gewinn machte. Zunächst stellten sich die Gründer damit ziemlich clever heraus. 2015 wurde der Wert von Snapchat mit 19 Milliarden Dollar bewertet und die Euphorie war zum Start des Börsengangs hoch. Danach folgte jedoch ein jäher Absturz. Die Zahlen knickten im Mai diesen Jahres ein, als Facebook einfach populäre Funktionen aus Snapchat wie „Stories“ kopierte und in die eigenen Netzwerke einbaute. Seitdem stagnieren die Nutzerzahlen. Instagram Stories haben jetzt 200 Millionen User - mehr als bei Snapchat selbst - und heute wissen viele Instagram-User noch nicht einmal, wer Stories eigentlich erfunden hat.

Start als Foto-Sharing App

Die Geschichte von Snapchat begann in Kalifornien an der Stanford University, wo die Snapchat-Gründer die Idee für eine Foto-Sharing-App hatten, deren Nachrichten kurzlebig sind. „Ich wünschte, die Bilder, die ich einem Mädchen schicke, würden dann verschwinden“, sagte Brown. Spiegel war begeistert redete von einer „Millionen-Dollar-Idee“. 2011 startete die erste Version von Snapchat, noch unter dem Namen „Pictaboo“, hatte aber schon das charakteristische Gespenst im App-Symbol, das Evan Spiegel zeichnete. Mit dem dritten Gründer Brown überwarfen sich die beiden noch heute vertretenen Firmenchefs und änderten den Namen in Snapchat. Die App wurde schnell populär, denn viele hatten schon schlechte Erfahrungen mit Bildern gemacht, die ungewollt im Internet landen und dort für immer bleiben. Gleichzeitig nutzten immer mehr Eltern Facebook, was Jugendliche dazu motivierte, sich eine Alternative zu suchen. Snapchat war mit den verschwindenden Nachrichten der perfekte Ort. Nach nur einem Jahr knackte der Dienst die Zehn-Millionen-User-Marke. Snapchat hat heute 7 Milliarden Videoaufrufe pro Tag und spielt damit in dieser Disziplin in der Liga von Facebook, kooperiert mit der millardenschweren Football Liga NFL und wird sicher kräftig weiter die Medienlandschaft aufmischen.

Alltags-Kommunikation statt Riesenarchiv

Snapchat unterscheidet sich grundlegend von den Platzhirschen wie Facebook in einem Punkt. Die Profile der Nutzer werden nicht wie bei Facebook und Instagram nach und nach mit Inhalten gefüllt wie in einem riesigen Archiv oder einem Buch. Vielmehr ähnelt die Kommunikation hier Unterhaltungen im Alltag. Jeder kann mit anderen Nutzern chatten. Die Chats werden jedoch nicht kommentiert oder mit Likes bewertet, sondern sie verschwinden nach einiger Zeit einfach wieder. Wer Snapchat einige Zeit ausprobiert, wird merken, welchen Unterschied die selbstlöschenden Nachrichten ausmachen. Wer einen Snap an einen oder mehrere Freunde schickt, muss sich nicht so viele Gedanken machen: Die Nachricht wird sich wie bei Agenten nach ein- bis zweimaligem Anschauen selbst zerstören. Das macht tatsächlich einen großen Unterschied. Zweite Stärke ist der Spaßfaktor: Die Filter, Icons und Malfunktionen peppen Fotos und Videos witzig auf. Da nicht alles, wie in anderen Messengern, archiviert und für immer gespeichert wird, haben Snapchat-Unterhaltungen tatsächlich etwas mehr die Qualität von Alltagsgesprächen.

Snaps, Storys und Chats

Ein Snap ist die Hauptfunktion von Snapchat. Ein Snap ist ein Text, verschwindendes Foto oder Video, das über die App an Freunde verschickt wird. Snaps sind nur für einige Sekunden (oder die Länge des Videos) sichtbar. Sie können vom Empfänger einmal wiederholt werden und werden dann automatisch gelöscht. Typisch ist es, die Snaps mit einem der verrückten bis originellen Filter aufzunehmen. Tippen Sie dazu auf Ihr Gesicht, und probieren Sie die Filter aus. Zudem können Sie Fotos und Videos mit Emoticons, Zeichnungen und Stickern verschönern. „Storys“ können mehrere Snaps zu einer Geschichte zu verbinden, die Sie dann 24 Stunden lang für jedermann, für Ihre Freunde oder benutzerdefiniert für nur einige sichtbar machen können. Sie können wie gewohnt Snaps aufnehmen und mit „Senden“ dann der Story hinzufügen – wie bei einem Tagebuch. Mit „Einstellungen“ steuern Sie, für wen die Story sichtbar ist. Wie der Name schon sagt, geht’s bei Snapchat natürlich auch um Chats. Wenn Sie nach rechts wischen, können Sie in Snapchat mit einem oder mehreren Mitgliedern (maximal bis zu 16) einen Chat starten. Sie können Textnachrichten austauschen, einen Voice- oder sogar Videochats starten – letzteren inklusive der witzigen Snapchat-Filter. Chats verschwinden ebenso, nachdem sie geöffnet wurden – werden also nicht dauerhaft gespeichert. Ein Highlight - und in letzter Zeit eine immer bekanntere Funktion - sind die Fotofilter, die mit dem Nutzer, der in die Selfie-Kamera blickt, alles mögliche anstellen - von Hasenohren bis zum Verwandeln in ein tanzendes Hot Dog. Die witzigen Snapchat-Filter, die Fotos und Videos in Echtzeit verfremden, machen nicht nur Spaß, es lohnt sich, sie immer wieder zu besuchen. Es gibt oft zu Feiertagen wie Valentinstag oder Weihnachten besondere Filter. Manchmal sponsern Firmen wie Amazon oder Coca-Cola einen Filter zu besonderen Werbeaktionen.

Fazit: Das kleine gallische Dorf unter den Sozialen Netzwerken

Wie andere soziale Netzwerke kämpft Snapchat nicht nur um die Finanzierung und ein stagnierendes Nutzerwachstum, sondern vor allem damit, dass der Gigant Facebook einfach dreist die coolsten Funktionen kopiert. Es bleibt zu hoffen, dass dieses erfrischend verrückte Snapchat noch weiter unabhängig bestehen kann und uns noch weiter verrückte Ideen bescheren darf - denn ohne Snapchat gäbe es auch auf Instagram keine mit Emoticons zugeklebten Stories.

Artikel vom   15. September 2017
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