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Podcasts sind das neue Fernsehen

von Lena Ingers

Die besten Drehbücher schreibt das Leben selbst und Podcasts sind das neue Fernsehen. Glauben sie nicht? Dann hören Sie mal in diese Podcast-Krimis rein!

Radio hören die Deutschen am liebsten morgens am Frühstückstisch oder während der Autofahrt ins Büro, beim Bügeln oder Basteln in der Werkstatt. Hörfunk ist das Nebenbeimedium schlechthin. Doch mehr und mehr werden traditionelle UKW-Radiostationen abgelöst von Podcasts, die man sich aufs Handy oder einen iPod herunterlädt. Und obwohl sich auch beim Podcasthören prima nebenbei die Wäsche aufhängen lässt, sind die Hörgewohnheiten doch ganz anders als beim Radio.

Radio gilt als ein flüchtiges Medium. „Das versendet sich“, sagen Radiomacher oft halb im Scherz untereinander. Soll heißen: Uns hört eh keiner zu. Podcast-Fans aber sind wählerisch – und das können sie sein, denn die Auswahl an Sendungen und Formaten ist gigantisch. Die meisten Nutzer haben nur eine Handvoll Lieblingssendungen, die sie aber umso hingebungsvoller hören.

Nervige Werbespots sind in der Szene verpönt. Die Macher finanzieren sich oft durch Sponsoren, Spenden oder betreiben das podcasten als Hobby. Das sorgt für eine weitere Eigenheit der Podcast-Szene: Viele Formate drehen sich um sehr spezielle Nischen-Themen, vor allem aus den Bereichen Technik und Wissenschaft. Man könnte auch sagen: Bis vor wenigen Jahren war das ganze Thema „Podcasts“ ziemlich nerdlastig.

Krimis zum Hören

Doch dann kam 2014 „Serial“ heraus und zeigte, dass Podcasts sehr wohl auch die Massen begeistern können. In diesem Serienpodcast aus den USA rollt die Journalistin Sarah Koenig einen 15 Jahre alten Mordfall neu auf. Im Zentrum steht ein junger Mann, der im Alter von 17 Jahren beschuldigt wird, seine Teenager-Freundin aus Eifersucht erdrosselt zu haben. Er wird verurteilt, obwohl er seine Unschuld beteuert. Koenig spürt dem Fall nach und stößt auf Zeugenaussagen, die einfach nicht zusammenpassen wollen. Sitzt der Falsche hinter Gittern, während der wahre Mörder noch frei herumläuft?

Die Produktion wurde zum globalen Hit. Millionen Zuhörer lauschten Woche für Woche gebannt, wie Koenig Hinweise sammelte und wie in einem juristischen Puzzlespiel zusammenfügte. Das Ende soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Aber bald darauf war selbst der letzte deutsche Radiofuzzi im Podcastfieber, faselte von „Storytelling“ und trommelte Teams und Budgets zusammen, um ein „deutsches Serial“ auf die Beine zu stellen.

Sternstunde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Tatsächlich sind dabei vor allem unter der Regie öffentlich-rechtlicher Radiostationen einige hörenswerte Stücke herausgekommen. Genau wie ihr amerikanisches Vorbild hangeln sich die deutschen Serials meist entlang rätselhafter oder spektakulärer Kriminalfälle. Da wäre zum Beispiel Jana Wuttkes „Mehr als ein Mord“ (Deutschlandradio Kultur), in dem es um einen getöteten Asylbewerber geht. Einige Kollegen vom RBB wiederum fragten „Wer hat Burak erschossen?“ in dem gleichnamigen Serial, der in Berlin-Neukölln spielt. Und für „Der talentierte Mr. Vossen“ machten NDR-Reporter Jagd auf einen Millionenbetrüger.

Leider haben die aufwändig recherchierten Radio-Features nie den Bekanntheitsgrad des amerikanischen Vorbildes erreicht. Mangelnde Sichtbarkeit im Netz ist tatsächlich ein wiederkehrendes Problem der Podcast-Szene. Zwar lässt sich auf Google das ganze Netz problemlos nach Bildern, Videos und Text durchforsten. Audio-Inhalte dagegen bleiben für die Algorithmen ein Buch mit sieben Siegeln. Podcast-Suchmaschinen oder die iTunes-Charts bieten ein wenig Orientierung. Der Rest ist vor allem Mundpropaganda. Deshalb hier kurz und knackig noch ein paar Tipps, in welche deutschen Podcast Sie mal reinhören sollten.

Reportagen wie „Yo soy lisdey“

Das Podcastlabel Viertausendhertz entführt uns in die Schatten-Welt transsexueller Sexarbeiterinnen in Kolumbien. Protagonistin Lisdey erzählt aus erster Hand von Gewalt, Diskriminierung und gewagten Schönheitsoperationen am eigenen Körper. Das ist berührend und manchmal bizzar, vor allem aber ziemlich respekteinflößend. Denn diese Frauen werden gleichermaßen begehrt wie gehasst – und bezahlen für ihren Lebensstil oft mit dem Leben.

„Laber-Podcasts“ wie „Der Weisheit“

Eine Gruppe Menschen, die alle nicht auf den Mund gefallen sind, treffen sich und quatschen drauf los. Klingt erstmal langweilig, ist aber höchst unterhaltsam und ein bisschen so, als würde man heimlich in Deutschlands Wohnzimmer, Bachelorparties, Kiffer-WGs und Mutti-Treffs hineinlauschen. Als Meister des Fachs gelten die Comedians Jan Böhmermann und Olli Schulz mit ihrem Spotify-Podcast „fest und flauschig“. Die Gesprächsrunde „Der Weisheit“ ist weniger bekannt, kommt aber ein bisschen erwachsener rüber. Außerdem kommen da auch mal die Frauen zu Wort.

Wissenspodcasts wie SciencePie

Wissenspodcasts wie SWR2 Wissen führen regelmäßig die deutschen Podcast-Charts an. Ob man sich nun die langen Forschergespräche im "Resonator" anhört, dem humorvollen Podcaster-Ehepaar von "Hoaxilla" beim Enttarnen von Fake News lauscht oder den kurzweiligen „Sternengeschichten“ von Astronom Florian Freistetter folgt – danach ist man garantiert schlauer. Wer sich sowohl für die Geistes- als auch Naturwissenschaften interessiert, dem sei der interdisziplinäre Podcast „SciencePie“ ans Herz gelegt.

Artikel vom   24. August 2017
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