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Die radikalste Writing App: Flowstate

von Kathi Flau

Flowstate ist derzeit als radikalste oder, wie ihre Macher selbst sagen, gefährlichste Writing App im Gespräch. Dabei ist wirklich radikal vor allem eines: Die Idee, die dahinter steckt.

Einen Text schreiben, das heißt selbstverständlich auch: überarbeiten, redigieren, lektorieren. Der Autor hinterfragt seine Story wieder und wieder, vom Aufbau bis hin zu einzelnen Formulierungen - und genau das kann beim Schreiben hinderlich sein. Dann nämlich, wenn es um das tatsächliche Schreiben geht, um den Flow des Erzählens, möglichst in einem Atemzug, möglichst ohne den Lektor im Kopf, der sich nur allzu gern einschaltet, der oft voreilig in den Schreibprozess eingreift und ihn dadurch hemmt.

Um ihn auszuschalten, haben sich App-Entwickler bereits einiges einfallen lassen: First Draft zum Beispiel, eine App, die die Löschfunktion blockiert und so Korrekturen verhindern will. Oder Writers Block, die den Autor erst dann vom Schreibtisch entlässt, wenn er die zuvor mit der App getroffene Vereinbarung über eine bestimmte Anzahl von Wörtern oder eine bestimmte Schreibzeit erfüllt hat. Für manche Autoren funktioniert das, für andere bleibt es eher ein lauer Kompromiss.

Mit Flowstate gibt es kein Verzetteln mehr

Wer sich hingegen Flowstate herunterlädt, die Writing App des kalifornischen Entwicklers Overman, ist das Problem des Sich-Verzettelns auf jeden Fall los. Hat aber möglicherweise ein neues: Wird der Schreibfluss auch nur für fünf Sekunden unterbrochen, verblasst der Text auf dem Bildschirm und verschwindet. Unwiederbringlich. Overman selbst nennt Flowstate daher „the most dangerous app“. Fünf Sekunden, das ist in etwa so lange, wie es dauert, sich ein Glas Wasser einzugießen. Fünf Sekunden sind eine strenge Auflage, die können einen schon nervös machen, bevor man überhaupt zu schreiben begonnen hat. Denn diese fünf Sekunden, man ahnt es, erfordern beim Schreiben alle Konzentration, den vollkommenen Rückzug auf den Text, auf das Hier und Jetzt – etwas, das unser Alltag sonst üblicherweise kaum zulässt. Wer Flowstate nutzen will, muss Ruhe schaffen; für Gleichzeitigkeit, für Nebengeräusche lässt diese App keinen Raum.

Jede Sekunde zählt Ihr

Prinzip - Reduktion und Konsequenz – wird schon optisch deutlich. Weiß auf schwarzem Grund sind zunächst nur drei Icons zu sehen: Hinter dem ersten stecken ein paar allgemeine Informationen. Das zweite offeriert dem Autor die wenigen Optionen, die er hat: Er kann eine Arbeitsdauer zwischen 5 und 180 Minuten wählen und eine von fünf Schriftarten, schon öffnet sich eine leere Seite – und los geht es. Ab jetzt zählt jede Sekunde. Und es gibt nur eine Möglichkeit, den Text über die festgesetzte Zeit hinaus zu sichern: schreiben, schreiben, schreiben. Hat man es geschafft, kann man das Dokument unter dem dritten Icon an die eigene Mailadresse senden, in einer Dropbox ablegen oder speichern und weiter bearbeiten.

Doch so einfach sich Flowstate anwenden lässt, so komplex ist das Prinzip dahinter. Das Tool ist das allererste Produkt, das die Firma, die sich auf ihrer Homepage als „Obstruction Company“ beschreibt, auf den Markt gebracht hat. Wie ernst es ihr mit dieser Philosophie ist, sieht man an der Seite selbst: Bis aufs Allernötigste reduziert, finden sich in Anlehnung an den Schwarz-Weiß-Look der Flowstate-App lediglich deren kurze Beschreibung, der Link zum Herunterladen und die Ankündigung zweier weiterer Produkte, die demnächst verlegt werden sollen. Raven, „the first turn based writing game“, und Zen, „an internet regulator“. Über die Entwickler selbst erfährt man nichts. Die Seite nennt keine Namen, stellt weder Entwicklungsprozesse noch Teams vor, selbst ein Impressum im eigentlichen Sinne sucht man vergebens. Overman verzichtet, wo es nur geht.

Konzentration auf das Wesentliche

Und genau das ist das Neue an den Produkten der Kalifornier: Sie verkaufen die Beschränkung, das Limit, die Disziplin, die Konzentration auf das absolut Wesentliche. Man schreibt besser, wenn man wirklich nur schreibt: Flowstate. Das Internet ist nur dann ein gutes Werkzeug, wenn man nicht jedem beliebigen Link folgen kann: Zen. Ein Prinzip, das man aus anderen Lebensbereichen wie etwa Food und Ernährung längst kennt, das es aber im digitalen Kosmos in dieser Stringenz noch nicht gegeben hat. Overman nennt es: „Obstruction, not options“. Mit Flowstate muss man an einem einzigen Thema arbeiten wollen. Wer von sich weiß, dass er eigentlich doch lieber Umwege nimmt, sich gern Zeit lässt beim Schreiben, in parallelen Projekten querliest oder seine Texte parallel lektoriert, für den sind 15 Euro für die OS X - Version bzw. 10 Euro für iOS wahrscheinlich eine überflüssige Investition.

Für alle anderen aber dürfte gerade die Radikalität des Tools, die ein fließendes Schreiben zumindest weitaus wahrscheinlicher macht, den Preis rechtfertigen. In der Redaktion des Online-Neuheiten-Magazins The Verge jedenfalls löste der Testdurchlauf von Flowstate große Begeisterung aus: Es sei wie eine „seltsame Last, die mit jeder Sekunde von den Schultern fällt“, sagen sie dort. Weil die App von dem Anspruch und dem Druck befreit, gleich im ersten Anlauf einen perfekten Text schreiben zu müssen. Und ihn so überhaupt erst möglich macht, den namensgebenden, wahren Flow.

Artikel vom   13. Juni 2016
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