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Die Kaufprämie führt zum sinnlosen Aufbau von Ladesäulen

von Robert Basic

Dafür, dass Elektromobilität in Deutschland nicht ins Rollen kommt, wird immer wieder der fehlende flächendeckende Ausbau von Ladesäulen verantwortlich gemacht. Irrtum, meint Dr. Jan Traenckner vom Bundersverband eMobilität, und erklärt die wahren Gründe.

Der Ingenieur, der sich intensiv mit Innovations- und Technologiestrategien beschäftigt, widmet sich seit acht Jahren der Elektromobilität in nahezu allen Facetten dieses wichtigen Technologiefeldes und ist inzwischen Experte für Batterie- und Ladetechnologien. Dr. Traenckner ist Senior Technology Advisor bei der P3 group (ein Spin-Off-Unternehmen aus dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie  in Aachen) und leitet ehrenamtlich den wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes eMobilität (BEM).

1. Redaktion: Herrn Dr. Traenckner, fahren Sie selbst ein Elektroauto?

Dr. Traenckner: Ja, seit ca 5 Jahren mit großer Begeisterung fahre ich täglich E-Auto.

2. Würden Sie Dritten auch die Anschaffung eines Elektromobils empfehlen?

Auf jeden Fall sind die Elektroautos bereits heute markttauglich und gut genug für den Alltag. Allerdings sind die Angebote der Autohersteller noch sehr überschaubar, so dass noch nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann. Auch kostet die Anschaffung eines E-Autos deutlich mehr als ein vergleichbarer Benziner oder Diesel. Das heißt, ein wenig Wille und Enthusiasmus gehört schon dazu. Aber im täglichen Umgang zahlt ein E-Auto das in Form von Fahrspaß und gutem Gewissen mehrfach zurück. Allerdings empfehle ich den Kauf eines E-Autos nur, wenn diejenige oder derjenige auch über einen geeigneten Parkplatz bzw. Stellplatz verfügen kann. Für sog. „Laternenparker“ machen E-Autos (noch) nicht wirklich Sinn.

3. Bekanntlich brauchen Elektroautos Strom statt Benzin. Viele Interessenten machen sich nicht nur Gedanken um mangelnde Reichweite, sondern auch um ausreichend Ladesäulen. Können Sie speziell die Sorgen ob der Ladeproblematik nachvollziehen? 

Dieses Thema wird aus meiner Sicht vollkommen überbetont! Es drängt sich der Eindruck auf, diese Themen werden lediglich vorgeschoben, um an anderer Stelle Versäumnisse „zu verschleiern“. Faktisch haben wir in Deutschland einige 100 Millionen Strom-Steckdosen, an denen man prinzipiell jedes E-Auto aufladen kann. Das eigentliche Problem ist, dass das E-Auto einen dedizierten Parkplatz, Stellplatz oder Garagenplatz braucht. Das hat nicht jeder und im öffentlichen Raum sind Parkplätze eben sehr, sehr wertvoll! Noch zu wertvoll, um sie 24/7 für E-Autos reserviert zu halten. 

Es geht bei der Einführung der Elektromobilität aber nicht darum, nun in Kürze 100% aller Autos durch Elektroautos zu ersetzen. Das ist ökonomisch als auch ökologisch sinnlos. Es geht vielmehr darum, dass die Elektroautos dort eingesetzt werden, wo sie wirklich Sinn machen: Bei den vielen Pendlern, die täglich in die Großstädte pendeln, den ca. 10 Mio. Zweit-, Dritt,- und Viert- Autos, die in den deutschen Haushalten genutzt werden, im Lieferverkehr und in vielen anderen Bereichen. Diese Nutzergruppen fahren die meisten Kilometer pro Jahr und für die ist das Thema „Stellplatz“ und damit die „Lademöglichkeit“ kaum ein Thema. Darüber hinaus findet Elektromobilität auch mit sogenannten Plug-In Hybriden statt. Die für die Langstrecke einen klassischen Verbrennungsmotor eingebaut haben. Die sind überhaupt nicht auf Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum angewiesen, da diese Autos ausschließlich zu Hause (oder am Arbeitsplatz) geladen werden können.

4. Was halten Sie von dem Vorstoß der Regierung, zusammen mit der Autoindustrie nicht nur eine Kaufprämie auszuloben, sondern viel Geld für den Ausbau der Ladeinfrastruktur in die Hand zu nehmen? Denken Sie, das ist nur ein Tropfen auf den heiße Stein oder ist dies ein guter Anfang? 

Ich halte das für den komplett falschen Ansatz. Das wird nur dazu führen, dass sinnlose (und nebenbei sehr teure) Ladesäulen in die Landschaft gebaut werden, die dann keiner braucht. Als Beispiel kann man hier die sog. „50-Kilowatt-Schnellader“ nennen, die derzeit mit Bundesmitteln an Autobahn-Raststätten gebaut werden und in der Form niemand braucht, weil es den „use case“ nicht gibt. Welcher Autofahrer hat auf einer Langstrecke Lust, einmal pro Stunde für jeweils mindestens eine halbe Stunde an der Ladestation zu stehen? Das ist völlig praxisfern, wird aber kräftig gefördert.  Allein der Begriff „Schnelllader“ ist schon irreführend. Tesla bietet mit seinen „Supercharger“-Stationen an den Autobahnen bereits heute die dreifache Ladegeschwindigkeit an. Nur so kann man mit E-Autos wirklich lange Strecken fahren.

Unsere Regierung sollte sich lieber darauf konzentrieren, dass vernünftige gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit ich zum Beispiel in meiner Tiefgarage im Mehrfamilienhaus das Recht habe, eine Ladesteckdose einbauen zu dürfen. In der Praxis stehen da immer noch viele Hürden im Wege. Oder, dass ich einfach vor meinem Haus mit meinem eigenen Geld an der Straße „auf öffentlichem Grund“ einen Ladepunkt bauen darf. Das ist heutzutage in nahezu allen Kommunen Deutschlands ein Ding der Unmöglichkeit! Hier braucht es mehr Flexibilität der Behörden und der Gesetzgeber.

5. Wird der geplante Ausbau dennoch vorankommen oder was erwartet uns?

Ich sehe da weniger Probleme, als so manch ein Protagonist aus Industrie und Politik uns glauben machen möchte. Zunächst einmal ist genug grüner Strom da. Selbst wenn wir irgendwann zu 70% Deutschland aller gefahrenen Kilometer mit Strom fahren würden, müssen wir lediglich ca. 4% mehr Strom produzieren. Wir produzieren schon heute rund 30% aus erneuerbaren Energiequellen, also ist dieses Thema abzuhaken! Ja, wir müssen KEINE neuen Atomkraftwerke bauen! Die notwendige Infrastruktur wird sich bedarfsorientiert ganz von alleine mit den üblichen Marktkräften entwickeln. Ich mache mir eher Sorgen darum, dass unsere Gesetzgeber zu langsam und mutlos der Elektromobilität helfen werden bzw. sie sogar aktiv verhindern werden. Allein das nahezu inhaltslose „Gesetz zur Förderung der Elektromobilität“ (sie erinnern sich z.B. zur „Empfehlung“ bezüglich der Nutzung von Busspuren, siehe ZEIT-Artikel zum Beschluss des Bundestages) hat drei Jahre gebraucht, bis es durch die Instanzen war. Hier braucht es einfach mehr Mut in Deutschland!

6. Was wäre Ihrer Meinung nach wünschenswert, wenn wir von einem Henne-Ei-Problem ausgehen: Ein effektiver Ausbau der Ladeinfrastruktur oder sollten wir nicht erstmal abwarten, ob sich überhaupt Käufer für Elektroautos finden?

Das eigentliche Problem ist doch, dass man mit dem solitären Betreiben von Ladeinfrastruktur prinzipiell kein Geld verdienen kann. Wo die E-Autofahrer wirklich auf Ladeinfrastruktur angewiesen sind, müssen andere Mechanismen den Ausbau fördern. Entweder durch den E-Autobesitzer selber (als Teil der Anschaffungskosten beim Heimladen oder am Arbeitsplatz, etc.) oder durch sog. Koppelnutzungen, Marketing oder anderen Querfinanzierungsmöglichkeiten. Lediglich an den Autobahnen und an großen Verkehrsknotenpunkten könnten die Infrastruktur-Betreiber (z.B. der Bund) die Aufgabe als Teil ihrer generellen Infrastrukturaufgabe begreifen und Ladestationen aufbauen. Schließlich fragt sich heute auch niemand, wer die Leitplanken entlang der Autobahnen finanziert, aufbaut und betreibt. Die gehören einfach dazu! Aber wenn, dann bitte richtig!

Herr Dr. Traenckner, herzlichen Dank für das Interview!

Weiterführende Links

Hintergrund Keine Lust auf Elektro-Autos?

Hier geht es zum Interview mit Professor Schuh

Artikel vom   03. Juli 2016
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