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Apps für Kids sind Bestseller - aber immer noch umstritten

von Lena Ingers

Digitale Medien im Kinderzimmer gelten als verpönt. Dabei kriegen immer mehr Apps für Kids gute Noten von den Experten. 

In keinem anderen Land der Welt wird so viel darüber nachgedacht, ob, wie und für wie lange ein iPad in Kinderhände gehört, wie in Deutschland, glaubt Verena Delius. Die App-Entwicklerin merkt es an ihrem eigenen Geschäft: 90 Prozent des Umsatzes macht ihr Studio „Fox & Sheep“, das sich auf Apps für Kleinkinder spezialisiert hat, im Ausland. USA, Russland, China, Brasilien, Türkei – von dort kommen die meisten Downloads. Deutschland steht für die Berliner Entwickler erst an siebter Stelle. „Die Eltern hierzulande sind sehr vorsichtig“, sagt Delius.

Dabei sieht die Realität in vielen Familien doch längst so aus: Wenn Mama und Papa selbst mit Begeisterung daddeln, landet das iPad ja doch früher oder später in den Händen des Nachwuchses. Da erübrigen sich sämtliche normative Debatten über den pädagogischen Wert der digitalen Medien sowieso.

Das Angebot an Apps für Kids ist heute schon riesig: Weit mehr als 200.000 Kinder-Apps gibt es im App-Store von Apple und GooglePlay und es werden täglich mehr. Insbesondere Apps für Kleinkinder boomen. Denn im Gegensatz zu ihren Vorfahren sind die Tafelcomputer sprichwörtlich kinderleicht zu bedienen. Kommuniziert wird über Bilder und Sprachausgabe. Schon Zweijährige sollen so auf dem Tablet spielerisch lernen können.

Apps für Kids verwandeln das Tablet wahlweise in interaktive Lernmittel, Bilderbücher und Alltagshilfen

Christine Feil vom Deutschen Jugendinstituts DJI warnt aber vor zu hohen Erwartungen. Eine App, die schon Dreijährigen beibringen will, die Uhr zu lesen, kann das Kind schnell überfordern. „Das ist eigentlich erst Thema in der zweiten Klasse“, sagt Feil. Hinzu kommt: „Ohne pädagogische Begleitung wird auch nicht gelernt. Das Kind tippt und wischt dann vielleicht rum, aber lernen in dem Sinne tut es nicht, weil die App-Inhalte oft nicht selbsterklärend sind“, sagt Feil.

Andere Apps präsentieren sich den Eltern als pädagogische Hilfen im Alltag. Bei den Erziehungsberechtigten kommt das offenbar gut an: „Es gibt hunderttausende Zähneputz-Apps“, stellt Feil fest. Auch bei dem Bestseller aus dem Hause „Fox & Sheep“ handelt es sich um eine solche App: „Schlaf gut“ ist eine Art interaktive Gute-Nacht-Geschichte. Eltern auf der ganzen Welt nutzten das Programm, um ein abendliches Ritual zu etablieren, erzählt die Entwicklerin. „Das holt die Kinder runter“, so Delius.

Die Stiftung Lesen will sogar herausgefunden haben, dass, seitdem es Bilderbücher auch als Apps gibt, immer öfter auch die Väter Lust haben, dem Nachwuchs etwas vorzulesen. Da drängt sich der Verdacht auf: Es sind gar nicht die Kinder, die nach spielerischen Apps verlangen. „Man muss auch ehrlich sein: Digitale Medien werden auch häufig dann eingesetzt, wenn die Eltern ihre Ruhe haben wollen“, räumt Feil vom DJI ein.

Als Faustregel gilt: Gut gemachte Kinder-Apps von kommerziellen Anbietern sind immer kostenpflichtig!

Fast alle Apps werden für den internationalen Markt konzipiert. Für die Entwicklerstudios ist das überlebenswichtig. Die Medienpädagogen sehen darin aber ein Problem: „Da gelten die deutschen Gesetze nicht, sondern die amerikanischen Vorgaben für Kinder- und Jugendschutz“, sagt Feil. Selbst handwerklich schön gemachte Apps, kassieren so bei den Experten Minuspunkte. Auch viele bewährte Geschäftsmodelle der App-Welt gelten bei den Medienpädagogen als K.O.-Kriterium. So sind die meisten Spiele fürs Tablet in einer Basisversion kostenlos, also „free to play“. Erst im Spielverlauf wird der Nutzer dazu verführt, Geld für Gegenstände oder Spielerweiterungen auszugeben. „So etwas gehört in keine Kinder-App rein“, kritisiert Feil – genauso wenig wie Werbung. Tatsächlich lassen die Hersteller von Kinder-Apps auch mehr und mehr von solchen In-App-Käufen ab oder verbergen sie in einem gut gesicherten Elternbereich.

Spielplätze und Legosteine kommen trotzdem nicht aus der Mode

Doch alle Versuche, das Tablet kindgerecht zu machen, werden die größten Skeptiker nicht überzeugen können. Ihr Argument: Das haptische Erleben sei vor allem für die frühkindliche Entwicklung extrem wichtig. Und ein Tablet kann die Interaktion mit der Umwelt nun einmal nur simulieren aber niemals ersetzen. Bisher hat aber auch noch kein elektronisches Spielzeug Buntstifte und Bauklötze vollständig aus dem Kinderzimmer verdrängen können. Wenn es um Kindererziehung geht, hat letztendlich jeder seine eigene Vorstellung von Richtig und Falsch. Diese Erfahrung musste auch der App-Hersteller urbn pocket machen. In der App „Das ist mein Körper – Anatomie für Kinder“ lassen sich die Figuren nur noch bis zur züchtigen Unterhose ausziehen. Viele Eltern hätten das so gewollt, sagen die Macher. Der Kompromiss: In den hinter einer Kindersicherung verborgenen Einstellungen lassen sich die Geschlechtsteile wieder sichtbar machen.

Artikel vom   16. Januar 2017
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